Warum es keinen Lohnunterschied geben darf - Argumente zwischen 18.3 und 70 Prozent

(Gastkommentar von Andreas Wieser)


Am Thema 50-Jahre-Frauenstimmrecht kommt im 2021 zu Recht keiner herum. In meiner Arbeit begegne ich diesem Thema mehrfach. Auch habe ich die Sendung «Arena» von SRF vom 5.2.2021 interessiert mitverfolgt. Die Debatte hat mich zum Nachdenken gebracht – nicht nur auf Grund zweier einfacher Zahlen mit wichtigem gesellschaftspolitischem Hintergrund. 18.3 Prozent Lohnunterschied zwischen Mann und Frau. Das ist bei gleicher Arbeit nicht in Ordnung. Die zweite Zahl von 70 Prozent könnte die erste Zahl beeinflussen – dazu später mehr.

Erklärbare Unterschiede?


Argumentiert wird – von wem auch immer – ein gewisser Unterschied von 18.3 Prozent lasse sich erklären. Die Differenz wird, egal ob Frau oder Mann, teilweise mit der fehlenden Erfahrung im Beruf zu erklären versucht, wenn frau oder man beruflich kürzer tritt und sich der Familie widmet.

Diese Denkweise ist weit verbreitet. «Wo arbeitest du?». «Zu Hause.» «Ah, hast du Home-Office.» «Nein, ich bin Familienfrau/mann.». Familienarbeit wird ob bewusst oder unbewusst nicht geschätzt. Welchen Wert hat es schon, wenn Mann oder Frau mit den Kindern spazieren geht, um die Natur zu erklären, wenn sie sich Tag für Tag um eine gesunde Ernährung für den Nachwuchs bemühen, sich Gedanken machen über die körperliche und geistige Entwicklung der Kinder oder sich bewusst auf ein Elterngespräch mit den Lehrerinnen vorbereiten.


Gefragte «Management»-Kompetenzen von heute und morgen

Wenn ich Management-Literatur betrachte, so wird mehrheitlich festgehalten, dass die Führungskräfte von morgen vor allem eines vorweisen müssen: Soziale Kompetenzen, Soft-Skills, wie zum Beispiel Beziehungsgestaltung, Kommunikation oder Wertschätzung.

Wo können denn die Führungskräfte diese Kompetenzen erlernen? in einem einwöchigen Intensiv-Lehrgang in einem 5-Sterne-Seminarhotel? In einem «coronafreien» Webinar? In einem mehrmonatigen Zertifikatslehrgang mit integrierter schriftlicher Fallstudie? Oder sind nicht vielmehr Wiedereinsteigerinnen oder Teilzeit-Väter in Zukunft die gefragtesten Führungskräfte auf dem Markt, denn sie trainieren täglich ihre sozialen Kompetenzen mit ihren eigenen Kindern – echt, ohne künstliche Fallstudie, in einem nicht geschützten Rahmen.


Vom wertschätzenden Zuhören und informellen Lernen

Die zweite Zahl von 70% zitiere ich aus einer Studie, die besagt, dass wir 70 Prozent aller neuen Kompetenzen informell, also nicht angeleitet, erlernen. Oftmals ist man sich dieser Kompetenzen zu wenig bewusst. Und wenn es um Kompetenzen aus dem Familienalltag geht, traut man sich zu wenig, dies zu zeigen und zu benennen. Folgendes persönliches Beispiel – stellvertretend für weitere Kompetenzen - zeigt es konkret auf. Auch ich musste mir in einem Train-the-Trainer-Lehrgang zu informellem Lernen aus dem Lernort Familie bewusst werden, welch grosses Potential in unserem täglichen familiären «Training» liegt.

Unsere Kinder sind oft am Mittag – das habe ich vor allem auch in der Corona-Zeit miterlebt – oder am Abend nach Hause gekommen und sprudelten beim Erzählen von der Schule oder von Erlebnissen mit Freunden. Und ja, auch ich habe jeweils noch einiges zu tun, sei es für berufliche Tätigkeiten oder für ehrenamtliche Funktionen. Und trotzdem ist es wesentlich, bewusst zu zuhören, durch unsere innere Haltung eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Kinder spüren, dass sie erzählen dürfen. Wir interessieren uns für ihre Geschichten, fragen nach, wenn es holpert. Und wir hören zwischen den Zeilen, versuchen die Emotionen einzufangen, Herausforderungen zu erkennen. Wir versuchen ihr Verhalten der letzten Tage zu reflektieren. Das ist informelles Lernen zum wertschätzenden Zuhören, Tag für Tag. Wenn wir unsere Beziehung zu unseren Kindern stärken wollen, können wir uns nicht im Büro verschanzen, hinter Terminen verstecken oder Ausreden erfinden. Warum erhöhen wir den Lohn von Eltern nicht, wenn sie doch gefestigte und mehrfach geprüfte Kompetenzen an die Arbeit mitbringen! Übrigens zahlen sich solche Kompetenzen langfristig auch finanziell für die Unternehmen aus. Wertschätzung ist einer der grössten Einflussfaktoren für gesundes Führen. Und nur gesunde und motivierte Mitarbeitende können Leistung erbringen.




Andreas Wieser ist Organisationsentwickler und Trainer mit Fokus auf Gesundheit sowie Engagement der Mitarbeitenden und Leistungsfähigkeit der gesamten Organisation. Bei der Konzeption und Umsetzung von individuellen Trainingsprogrammen für Führungskräfte und Mitarbeitende berücksichtig er auch das Potential des informellen Lernens, insbesondere an den Lernorten Familie und Sport.

Als Vater von drei Kindern im Alter zwischen 12 bis 23 Jahren und ehemaliger Spitzensportler hat er aus den Lernorten Familie und Sport zahlreiche Kompetenzen in seine bisherigen Tätigkeiten als Fach- und Führungskraft in verschiedenen Branchen mitnehmen können.

www.wieserpartner.ch



Bildrechte: privat (Andreas Wieser); unsplash@krakenimages

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