Der Covid-19 Lockdown und die Familien

Der Corona-Lockdown hat die Familien sehr unterschiedlich getroffen. Je nach Familienform, Familiengrösse, Erwerbsformen und Beziehungsqualitäten haben sich ganz unterschiedliche Erfahrungen eingestellt. Wir haben uns dazu umgesehen.


Es braucht nicht viel Phantasie, um sich das Problem klar zu machen, was der Lockdown für viele Familien bedeutete. Nehmen wir die Familie Untermüller: Sie haben drei Kinder, die den Kindergarten und die Unterstufe besuchen. Die Wohnverhältnisse sind eng. Der Vater arbeitet auswärts auf dem Bau, die Mutter halbtags jeweils am Vormittag in einem Büro. Wenn die Kinder in dieser Zeit zuhause sind, springt die Grossmutter zum Hüten ein.


Überforderte Familie

Dann der Lockdown. Plötzlich sind die Kinder zuhause. Die Mutter wird ins Homeoffice verwiesen, was konkret den Küchentisch bedeutet. Gleichzeitig soll sie das Homeschooling durchführen und die Kleine irgendwie unterhalten. Sie ist begreiflicherweise im Dauerstress. Und wenn der Vater nach Hause kommt, ist er müde und möchte Zeitung lesen und fernsehen. Die Grosseltern müssen laut Anweisung der Behörden zuhause bleiben. «Familienalltag tagein, tagaus in den gleichen Räumen, keine Kita, keine Schule: Eine Situation, die es bei uns so noch nicht gegeben hat», stellt das Portal «wireltern.de» dazu fest.


Beziehungskrisen und Beziehungspflege

Dass sich in dieser Zeit die Beziehungskrisen steigern, verwundert nicht. Noch liegen erst wenige Ergebnisse von entsprechenden Studien vor, aber eine Tendenz ist absehbar. Der Leiter der Ehe- und Familienberatung «familylife», Marc Bareth, formuliert es so: «Unsere Erfahrung ist, dass die Corona-Krise und insbesondere der Lockdown wie ein Katalysator auf Beziehungen gewirkt hat. Alles, was sowieso schon in einer Familie angelegt war, hat sich beschleunigt und intensiviert. Das gilt sowohl für Konflikte als auch für gute Prozesse. Wer am Rand einer Beziehungskrise stand, ist in dieser Zeit definitiv in eine Krise geraten. Wer aber schon zuvor gut aufgestellt war, konnte die zusätzliche Zeit nutzen, um die Partnerschaft weiter zu stärken.»


Mehr körperliche Nähe

Die Redaktion von «Wir Eltern» sprach während des Lockdowns mit dem Therapeuten Dr. Matthias Finkemeier. Er sieht, neben den vielen Einschränkungen in einer solchen Situation auch Chancen für Familien. Der Lockdown habe die Familie zum Zusammenrücken gedrängt, was gerade für Kleinkinder positiv gewesen sei. Finkemeier: «Kleinkinder suchen bei Unsicherheit grundsätzlich den direkten Kontakt zu den Eltern. Das bei körperlicher Berührung ausgeschüttete Bindungshormon Oxytocin hat einen beruhigenden Antistress-Effekt.» Es lasse sich tatsächlich messen, wie Puls und Blutdruck runtergehen und das Immunsystem reagiere. Er empfiehlt, Kleinkinder im Arm hin und her zu wiegen oder eine Kleinkindmassage zu machen. Ältere Kinder zeigten erstaunlicherweise in einer Situation, wo man als Familie zusammenrücken muss, wenig Stress. Aufmerksamen Eltern eröffnet sich die Gelegenheit, gemeinsame Aktivitäten wie Gesellschaftsspiele auszubauen. Jedenfalls so weit sie dazu die Luft haben.


Der Therapeut Finkemeier betonte dazu: «Die Corona-Pandemie ist ein Weltereignis und somit in einen sozialen Kontext eingebettet. Eine Normalisierung, dass sich tatsächlich alle anderen in ähnlichen Herausforderungen befinden, schweisst zusammen und führt zu einem kollektiven Wir-Gefühl.»


Die Therapiewelle blieb aus ...

Befürchtungen in der Kinderpsychiatrie, nach dem Lockdowns von Anfragen überrannt zu werden, haben sich jedenfalls nicht erfüllt. Die Luzerner Psychiatrie (Lups) hat sich zu Beginn des Lockdowns auf eine Welle an Anfragen von verzweifelten Eltern eingestellt. Doch die Welle blieb aus, wie Oliver Bilke-Hentsch, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie, gegenüber der Luzerner Zeitung sagte. «Wir verzeichnen keine grossen Veränderungen an Anfragen im Vergleich zur Zeit vor dem Lockdown.»


... doch der Suchtmittelkonsum stieg

Dass sich dennoch einige unter ihnen vermehrt mit Suchtmitteln über die Runden brachten, stellt der Präsident des Blauen Kreuzes, alt Nationalrat Philipp Hadorn, gegenüber «Familie ist Zukunft» fest: «Home Office, während einer gewissen Zeit verbunden mit Home-Schooling, führte je nach Familiensituation und Wohnverhältnissen zu ganz neuen Herausforderungen», so Hadorn. Noch immer sei es eine Tatsache, dass bei Überforderung Menschen vermehrt im Alkohol oder anderen Suchtmitteln vermeintliche Linderung suchten. Seine Organisation habe darauf reagiert: «Verschiedene Blaukreuz-Organisationen bauten während dem Lockdown niederschwellige Beratungsangebote aus: Online-Beratungsdienste ermöglichten Direktkontakte auch in Momenten, wo Beratungsgespräche face-to-face unmöglich wurden.»


Wurde die Politik den Familien gerecht?

Dass gerade Familien an den Anschlag kamen, belegt eine Studie des deutschen[i] Forschungsverbunds «Kindheit – Jugend – Familie in der Corona-Zeit» bei der 25'000 Eltern befragt wurden. Sie macht unter anderem deutlich, dass sich die Familien von der Politik nach anfänglichem Verständnis später im Stich gelassen fühlten. Wie unterschiedlich die Probleme in den Familien erlebt wurden, zeigt der Umstand, dass sich aufgrund der Erlebnisse etliche Familien vorstellen können, auf das Homeschooling umzusteigen. Denn während der schulfreien Zeit blieben ihnen viele Probleme aus dem Schulalltag erspart.





[i] Zum Redaktionsschluss lagen noch keine Ergebnisse Schweizer Studien vor.

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