Familie hält die Menschen in Balance

Wir erleben aktuell mit der Digitalisierung des Arbeitsmarktes - und notabene der Familie – einen rasanten Wandel der Arbeitswelt, aber auch unserer Gesellschaft. Was macht das mit den Menschen und vor allem mit der Familie? Wie findet Familie in den 2020er Jahren zwischen Kindern und Karriere statt? Was hat das Coronavirus mit der Mobilisierung der Arbeitsplätze zu tun? Unser Interview mit der international renommierten Arbeitsmarktexpertin Frau Professor Jutta Rump bietet interessante Einblicke und zeigt die enorme Wichtigkeit von Familie für die Arbeitswelt auf.

1. Frau Professor Rump, was ist mit «Arbeit 4.0» gemeint?

Arbeit 4.0 ist nichts anderes als die «4. Dimension der Digitalisierung». Wir reden in der ersten Dimension über die Technologien selbst, in der zweiten Dimension über die Geschäftsprozesse und Geschäftsmodelle, in der dritten Dimension über die Organisationsstrukturen, Arbeitsabläufe und Wertschöpfungsketten.

In der vierten Dimension fragen wir, was macht das alles zusammen mit den Menschen in der Arbeitswelt und in der Gesellschaft. Wie verändern sich Arbeitsbedingungen, Arbeitsinhalte, Arbeitszeit- und Arbeitsortsmodelle? Was hat das für Konsequenzen auf die Führung? Wie sieht die Vereinbarkeit von Beruf- und Privatleben in dem Zusammenhang aus?

Das alles zusammen, dieser unglaubliche Schmelztiegel an Veränderungen, der mit der digitalen Transformation der Arbeitswelt daherkommt, wird eben sehr gerne mit Arbeit 4.0 verbunden.


2. Was hat das mit Familie zu tun?

Eine ganze Menge. Digitalisierung ist ein fester Teil der Familie geworden, denn auch die Familie ist nicht frei von der digitalen Transformation. Jeder der Kinder hat weiss, dass unsere Kinder sogenannte «digital natives» sind, also Kinder, die in dieses digitale Zeitalter hineingeboren sind. Für die ist die Technologie selbstverständlich und somit auch selbstverständlicher Teil der Familie, so wie es für die älteren Generationen einmal der Computer oder davor das Telefon war: ein zentrales Kommunikationsmedium.

Durch den Einsatz dieser Technologien wird auf den ersten Blick vieles vermeintlich einfacher, weil ich eine etwas bessere Entkoppelung von Ort und Zeit habe und damit flexibler und souveräner mit meiner Zeit umgehen kann und somit auch ganz anders in mein Familienleben investieren kann.

Auf der anderen Seite gilt es unbedingt zu beachten, dass durch die ganze Digitalisierung unser Leben viel schneller geworden ist, dazu dynamischer und komplexer. Wenn man weiter davon ausgeht, dass dies nicht nur im beruflichen Umfeld, sondern auch im privaten zutrifft, dann steht man ganz schnell «an der Klippe» und denkt sich permanent «Hilfe, wie bleibe ich bloss in Balance?».

Aber wenn ich es schaffe, berufliches und privates auszubalancieren und diese Balance auch bewusst nutze, dann habe ich in dieser Welt, die sich so schnell dreht in der Tat ein ganz grosses Plus.


3. Sie sprechen in Bezug auf die Digitalisierung der Arbeit von der 4. Industriellen Revolution. Was hat es damit auf sich? Welche Chancen und Herausforderungen bringt diese mit sich?

Man muss zunächst dazu sagen, dass viele unserer derzeitigen Bedingungen und Gesetzmässigkeiten basieren auf der zweiten Industriellen Revolution mit ihrer Arbeitsteilung. Wir agieren also in der vierten Industriellen Revolution mit Rahmenbedingungen aus der Zweiten. Das muss zwangsläufig auch an sehr deutliche Grenzen führen.

Die Vorteile jedoch sind zunächst insbesondere die Flexibilität und Agilität der Arbeit, aber auch die Partizipation der einzelnen Arbeitnehmenden, die sich ganz anders an den Prozessen beteiligen können, was wiederum zu flachen Hierarchien und einer zunehmenden Demokratisierung führt.

Wir haben auch mehr Möglichkeiten, uns selbst zu verwirklichen, was wiederum viel mit Familie zu tun hat. Familie ist dann nicht mehr: «wir haben die Arbeit und, ach ja, dann ist da auch noch die Familie», sondern Familie ist jetzt originäres Teil in diesem Konzept im Sinne eines ganzheitlichen, menschenbezogenen Ansatzes. Das hat es so noch nie gegeben.

Aber vor diesem Hintergrund muss man natürlich auch die Herausforderungen sehen.

Diese vierte Revolution ist mit ganz bestimmten Rahmenbedingungen verbunden.

Wir nehmen teil an einer schnellen, dynamischen, ungewissen und unsicheren (VUCA- Formel), dabei aber sehr komplexen und mehrdeutigen Welt. Das ist für uns Menschen eine ziemliche Drucksituation. Veränderung wird hier zu einem Normalzustand und dem muss ich erst einmal standhalten. In dieser Welt dann noch Familie unterzubringen, die auch dem Begriff der Familie standhält, das ist eine ziemlich grosse Herausforderung.


4. Die 2. Industrielle Revolution hatte die Entkoppelung von Familie und Arbeit zur Folge, das «Alleinernährermodell» ist damals entstanden. Welche Chancen bietet Arbeit 4.0, beides wieder stärker miteinander zu verbinden?

Angefangen hat die Entkoppelung eigentlich schon in der ersten Industriellen Revolution, als es durch die Wanderbewegung – weg aus dem ländlichen Raum, hin in die urbane Fabrikarbeit – den ersten Bruch zu traditionellen Familienstrukturen gab. Das hat sich dann durch die Arbeitsteilung und Fabrikarbeit in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts nochmals deutlich verstärkt.

Eine Chance bietet hierfür zum Beispiel die «mobile Arbeit». Wenn wir mehr Arbeit mobil organisieren, dann können wir auch zunehmend die Arbeit dorthin verlagern wo Familie tatsächlich stattfindet. Hier bietet auch das Corona-Virus interessanterweise Rückenwind, weil es Unternehmen in gewisser Weise gezwungen hat, Arbeitsplätze zu mobilisieren. Und mit dieser Mobilisierung brechen sie auch das Alleinverdienermodell auf.

Das ist wichtig, weil dieses Modell für viele Familien nicht mehr hinreichend ist. Erstens, weil die Lebenskosten stark gestiegen sind. Viele Familien können es sich schlicht nicht leisten auf ein Einkommen hin zu leben. Und zweitens ist zu beachten, dass über die gesamte Bevölkerung hinweg das Bildungsniveau steigt. Dadurch entwickelt sich automatisch ein anderer Blick auf Erwerbsverläufe. Man ist weniger bereit, eine umfassende Ausbildung komplett aufzuopfern für Familie. Natürlich betrifft dies naturgemäss sehr stark die Frauen, wo viele sagen «ich möchte mit einem Fuss im Beruf bleiben und mein eigenes Geld verdienen. Zumal: wenn ich einmal aus dem Beruf draussen bin, ist es enorm schwierig nach einer längeren Pause in dieser schnellen und komplexen Welt wieder rein zu kommen.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Zeit für Familie ist wichtig! Ich empfehle meinen Studierenden, sie sollen Familie gründen aber man kann immer mit ein paar Stunden im Beruf bleiben und seien es nur fünf Stunden in der Woche. Das würde bedeuten, dass ich immer alles mitkriege, immer drin und dran bleibe und darum geht es eigentlich, um den Kompetenzerhalt. Ich kriege alles mit, habe aber dennoch einen Grossteil für die Familie.

5. Sie erklären Zeit als eine Art „neue Währung“. Wieviel Zeit Arbeit benötigt und was diese wert ist, können wir sehr gut definieren. Wie viel Zeit aber benötigt die Familie – und – hat diese umgekehrt einen Wert für die Wirtschaft? Ja. Familienzeit hat einen Wert für die Wirtschaft. Familienzeit führt dazu, dass Menschen besser in Balance bleiben. Aus der Perspektive eines Wirtschaftsunternehmens wird es in Zukunft extrem wichtig sein, dass sie Mitarbeitende haben, die in Bewegung bleiben ohne die Balance zu verlieren. Und wenn Familienzeit ein wichtiger Beitrag zur Balance ist, dann ist Familienzeit in dem Fall extrem wichtig für die Wirtschaft, damit die Leute nicht aus dem Ruder laufen.

Wenn das aber so wichtig ist, dann müssen wir aus der Wirtschaftsperspektive den Menschen auch die Zeit für die Familie geben. Das erkennen bereits schon viele, aber wir haben leider einen Gegentrend und der macht die Sache extrem schwierig, nämlich den Fachkräftemangel. Wenn Unternehmen eines in Zeiten des Fachkräftemangels nicht haben, dann ist das Zeit. Sie müssen eigentlich alle Leute, die sie an Bord haben, möglichst lange haben und am besten in Vollzeit, damit sie den Fachkräftemangel ausgleichen. Das jedoch kollidiert mit der gleichzeitigen Notwendigkeit für Zeit für die Familie. Hier gilt es aus meiner Sicht einen Kompromiss zu finden.

6. Nochmals zur aktuellen Studie. Auf Rang vier der wichtigsten Themen für die Personalabteilungen findet sich «Talentmanagement ausbauen». Welche Kompetenzen benötigen wir zur Bewältigung von Arbeit 4.0 und bietet sich Familie hier nicht gerade als idealer «informeller Lernort» an?

Ja, das bietet sich schon an, denn Unternehmen benötigen gewisse überfachliche Kompetenzen, angefangen von Lernbereitschaft, Veränderungsfähigkeit, Selbstorganisation, Frustrationstoleranz, Widerstandsfähigkeit, Umgang mit Geschwindigkeit und Komplexität, Kommunikationsfähigkeit und vieles andere mehr - Frustrationstoleranz und das Managen von unvorhergesehen Situationen nicht zu vergessen.

Und wenn wir ein solches Anforderungsprofil erstellen und dabei überlegen, wer denn all das mitbringt, dann sind es gerade die Menschen, die in Familienkonstellationen leben und unterwegs sind. Genau sie bringen dies alles mit.

Das bedeutet, dass wir vor diesem Hintergrund das «informelle Lernen» innerhalb der Familie eigentlich zu einem «aktzeptierten Lernfeld» erklären müssen, da es für das Unternehmen einen grossen Nutzen darstellt.

Frau Professor Rump, wir danken ganz herzlich für das Interview.



Frau Prof. Dr. Jutta Rump

Dr. Jutta Rump ist Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Internationales Personalmanagement und Organisationsentwicklung an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen.

An der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt ist sie Dozentin im Studiengang "Master of Ethical Management", an der Ludwig-Maximilian Universität München LMU lehrt sie im Executive Master-Studiengang Human Resource Management.

Darüber hinaus ist sie Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen IBE. Seit 2007 gehört sie zu den 8 wichtigsten ProfessorInnen für Personalmanagement im deutschsprachigen Raum (Zeitschrift Personalmagazin).

In zahlreichen Unternehmen und Institutionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist sie als Projekt- und Prozessbegleiterin tätig.

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