Gewalt und Gewaltprävention in Paarbeziehungen

Der Zürcher Psychologieprofessor und Paarforscher Guy Bodenmann hat die Ergebnisse seiner Studien zur Gewalt in Paarbeziehungen an einer Fachtagung Ende August an der Universität Zürich vorgestellt.



«Bis dass der Stress euch scheidet» heisst ein Standartwerk des Paarforschers und -Therapeuten Guy Bodenmann, Prof. für Klinische Psychologie Kinder/Jugendliche & Paare/Familien an der Universität Zürich. Denn Stress führt leicht zu verbaler, psychischer und schliesslich handfester physischer Gewalt. Doch wie kommt es überhaupt zu Gewalt in Paarbeziehungen und wie kann sie vermieden werden? Bodenmann sprach dazu am 27. August 2021, an einer international beachteten Fachtagung über «Aggression» an der Universität Zürich auf dem Irchel. Angesichts der Auswirkungen der Corona Krise auf die Familien ein top aktuelles Thema.


Stress als Auslöser

Gewalt in Paarbeziehungen entsteht in der Regel nicht plötzlich. Es gibt einen Prozess, der meistens – stressbedingt – mit verbalen Auseinandersetzungen beginnt und sich schliesslich hochschaukelt zu verbaler psychischer Gewalt und im schlimmsten Fall zu Tätlichkeiten. Bei unzufriedenen Paaren dauern solche Auseinandersetzungen wesentlich länger als bei zufriedenen, die nach einem Streit auch die Deeskalation schaffen und sich verständigen können. Streit sollte laut Bodenmann aber nicht grundsätzlich vermieden werden. Eine schwelende Konfliktaustragung sei keine Lösung.


Ein destruktives Kontinuum

Negativität, Aggression und Gewalt stellen laut dem Paarforscher ein Kontinuum dar. Es beginne in der Regel mit schlechtem Reden gegen- und übereinander. Eine Phase der gegenseitigen Demütigung bereitet das Klima für verbale Wortgefechte, die sich besonders in Stresssituationen Bahn bricht. Immerhin klagen 75 Prozent von Menschen in Paarbeziehungen über verbale Gewalt, wobei 14 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen auch über physische Gewalt berichten. Auch leichtere physische Gewalt kommt oft vor, wobei die Frauen oft zuerst tätlich werden. Falls sich Männer dann nicht zurückhalten oder zurückziehen, sondern zurückschlagen, kann dies, teilweise schwerwiegende, körperliche Verletzungen zur Folge haben.


Konflikte lösen sich nicht von selbst

Guy Bodenmann ermuntert die Paare, Störendes anzusprechen und miteinander eine Lösung zu suchen. Er warnt: «Konfliktthemen lösen sich meist nicht von selbst, sie müssen aktiv vom Paar angesprochen und bewältigt werden», denn: «Je gravierender das Problem, desto wichtiger die Aussprache.» Er hält psychische und physische Verletzungen für gleich schwerwiegend, da beide mit einer Erniedrigung des Partners verbunden sind. Schwerwiegend seien auch die Auswirkungen heftiger Streitigkeiten auf die Kinder, wobei er eine Scheidung noch für schwerwiegender hält als häufigen Streit der Eltern.


Dreifaches Commitment

Wichtig ist für Bodenmann in jedem Fall eine gute Prävention, wobei es gelte, die gegenseitige Liebesbeziehung permanent zu pflegen.
Er hat dazu das dreifache Commitment ausformuliert. Starke Paare sichern sich demnach ein dreifaches Commitment zu: ein kognitives, ein emotionales und ein sexuelles. Sie haben sich damit auch versprochen, ihre Liebe auf der emotionalen Ebene zu pflegen. Und gerade diese Liebesbeziehung «ist für die eigene persönliche Entwicklung und die Entfaltung des eigenen Potentials von höchster Bedeutung», betont Bodenmann in Referaten, Kursen und in Büchern. Er bietet dazu auch Beratungen und Kurse unter dem Label «Paarlife» an.





Seit 2010 veranstaltet das Psychologische Institut der Universität Zürich eine Fachtagung zu verschiedenen Themen rund um Kinder- und Jugendliche, sowie Paaren und Familie. Die Tagung wird jeweils vom Institut für «Klinische Psychologie Kinder/Jugendliche & Paare/Familien» unter Leitung von Professor Guy Bodenmann ausgerichtet. Das Thema der Fachtagung 2021 lautete: «Aggression: Wenn Familie und Schule an Grenzen stossen».
Mehr Informationen finden Sie unter UZH - Klinische Psychologie Kinder/Jugendliche & Paare/Familien - 2021 - «Aggression: Wenn Familie und Schule an Grenzen stossen»


Bild: brigitte.de / Prof. Guy Bodenmann









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