Höchste Schweizerin für Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Nationalratspräsidentin und damit höchste Schweizerin ist seit der Wintersession die Mutter eines dreijährigen Kindes: Nationalrätin Irène Kälin (34) fiel 2018 national auf, als sie ihr Baby an die Session mitnahm. «Vereinbarkeit» ist daher das Motto als Nationalratspräsidentin.


Dass die neue Nationalratspräsidentin vor drei Jahren ihr Kind mit in den Nationalratssaal nahm, wurde zu Beginn der Wintersession quer durch die Medienlandschaft neu aufgegriffen, inklusive Bilder von Mutter und Kind (siehe Abbildung unten). Die Grünen-Politikerin hat damit ein Zeichen gesetzt, obwohl sie das eigentlich eher aus Verlegenheit tat. Sie demonstrierte aber der Nation, dass es nach wie vor schwierig sein kann, Familien- und Betreuungsarbeit mit einem Beruf oder einem politischen Amt zu vereinbaren. Und sie erinnert sich an heftige Vorwürfe von Parlamentsmitgliedern, dass sie als Mutter ihr politisches Mandat nicht niederlegte. Ihre damalige Idee, das Fumoir im Bundeshaus in einen Wickelraum und ein Spielzimmer umzuwandeln, kam gar nicht gut an.


Umstrittenes staatliches Engagement


Sie engagiert sich politisch intensiv für eine bessere staatliche Unterstützung der familienexternen Kinderbetreuung, die zum Teil umstritten und von der öffentlichen Hand daher nur zögerlich finanziell unterstützt wird. Sie bricht dafür eine Lanze, wenn sie in einem Interview 2019 sagt: «Kinder lernen nie so viel wie im Alter zwischen 0 und 4 Jahren. In einer Kita oder Spielgruppe können sie mit ihren Gspändli spielen – das wirkt sich positiv auf die motorischen, kognitiven, sprachlichen, sozialen und emotionalen Fähigkeiten aus. Jeder Bildungsfranken, den man investiert und jedes Engagement, das man macht, ist in diesen Jahren am wirkungsvollsten. In den ersten Jahren werden die Weichen gestellt für ein ganzes Leben.»

Dabei geht sie jedoch nicht auf die wissenschaftlich begründete Erkenntnis ein, dass frühe Bindung und damit auch viel Betreuungszeit der Eltern in den ersten drei Jahren entscheidend sind.


Günstigere und flächendeckende Angebote ...


Die Argumente von Kälin sind indes in der Schweizer Politik noch nicht wirklich angekommen. Sie nimmt in Kauf, dass Familien bis zu 70 Prozent der Kosten für die Kita selbst tragen müssen. Ein Grund dafür seien auch die Zuständigkeitsprobleme von Bund, Kanton und Gemeinden. Und Kälin stellt fest: «Die hohen Kosten führen dazu, dass viele Frauen nach der Geburt des ersten Kindes nur noch, wenn überhaupt, Teilzeit arbeiten und viel Betreuungsarbeit selbst übernehmen.» Kälin: «Es braucht eine gemeinsame Vision und eine ‚Nationale Strategie der Politik der frühen Kindheit’ unter Einbezug aller Interessensgruppen, getragen von Bund und Kantonen.»


... aber auch Wahlfreiheit


Dabei wäre es aber wichtig, dass Mütter rasch wieder in den Arbeitsprozess eingebunden werden, wenn sie das möchten. Kälin: «Beschäftigung ist das beste Mittel, um nicht von Erwerbsarmut und später von Altersarmut betroffen zu werden. Dazu braucht es aber deutlich günstigere und flächendeckendere Betreuungsangebote.» Mit der Formulierung «wenn sie das möchten» stärkt sie aber auch die Selbstbestimmtheit der Eltern und wendet sie sich auch gegen einen indirekten Zwang zu einer hohen Erwerbsquote für Mütter, denen die persönliche Betreuung des Kindes wichtig ist. Viel Gewicht legt sie jedoch auf günstige Betreuungsangebote für Kinder von Familien mit interkulturellem Migrationshintergrund. Denn für diese seien die Betreuungsangebote oft fremd oder unerreichbar. Gerade für diese Kinder wären aber externe Fördermassnahmen wichtig im Blick auf ihre berufliche Zukunft. Hier erwartet Kälin auch mehr Engagement von der Wirtschaft, die ja auf gute Fachkräfte angewiesen sei.


Was kann sie bewegen?


Es liegt allerdings auf der Hand, dass sie gerade im Präsidialjahr konkret wenig für dieses Anliegen tun kann. Als Präsidentin ist sie vor allem Moderatorin und Vermittlerin zwischen politischen Fronten. Doch gerade hier gibt sie der «Vereinbarkeit» noch eine andere Bedeutung. Wenn sie von «Vereinbarkeit» spreche, meine sie nicht nur Politik, Beruf und Familie, betonte Irène Kälin. Sondern auch, dass trotz unterschiedlicher Meinungen politische Lösungen gefunden würden, wie sie gegenüber dem Tagesanzeiger bemerkte. Und dies gelinge dem Parlament gerade in der Corona-Krise teilweise nur ungenügend.

Wie politische Vereinbarkeit aussehen kann, äusserte sie bei ihrer Antrittsrede gegenüber ihrem Amtsvorgänger, dem Emmentaler Bauern und SVP-Nationalrat Andreas Aebi. Auch wenn ihre Positionen maximal auseinanderlägen, habe sie mit «Res» doch einen Freund fürs Leben gefunden. «Einen, mit dem man Kühe stehlen könnte, wenn er nicht schon so viele im Stall stehen hätte.»


Neue Vereinbarkeit


Noch nicht bis zur höchste Schweizerin durchgedrungen scheint allerdings der Gedanke der «Neuen Vereinbarkeit». Diese besteht darin, dass Staat und Unternehmen nicht nur günstige oder kostenlose Betreuungsangebote machen, sondern mit Flexibilität auf die Bedürfnisse von Eltern, auch bezüglich Betreuung und Pflege von Kindern und Angehörigen, eingehen und deren Kompetenzen, die sie in der Familienarbeit (Soft Skills) gewinnen, auch honorieren: Durch Karriereangebote und entsprechende Entlöhnung.


Neue Vereinbarkeit live im Nationalrat

Foto: (c) Keystone, Anthony Anex

Quelle: Info — Irène Kälin (irenekaelin.ch)











Mehr zum Thema:

https://www.stiftung-familie.ch/post/2019/11/06/neue-vereinbarkeit

https://www.stiftung-familie.ch/beitraege/categories/neue-vereinbarkeit

https://www.perspektive-wiedereinstieg.de/Inhalte/DE/Unternehmen/Familienbewusste_Personalpolitik/publikation_die_neue_vereinbarkeit.html


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