«Manche Kinder blühten plötzlich auf»

Interview mit Dr. Mag. Evelyn Matscher Pur


Evelyn Matscher Pur, Sie sind seit vielen Jahren als psychopädagogische Beraterin für Kindergärten und Schulen tätig und leiteten das Pädagogische Beratungszentrum Meran.

Was geht Ihnen in der aktuellen Phase durch den Kopf, wenn Sie an Kinder und Jugendliche denken?

Die Pandemie erfordert von jeder Altersgruppe in fast allen Bereichen ein Umdenken und ein Neuorganisieren der bislang gewohnten Begebenheiten und Tagesabläufe und greift auch

in unsere bislang gewohnte Art, mit anderen in Interaktion und in Beziehung zu treten, verstärkt ein.

Für unsere Gesellschaft war es vor dem Ausbruch der Pandemie eine Selbstverständlichkeit, dass Kinder und Jugendliche Bildungseinrichtungen wie Kindergarten und Schule besuchen

können. Der Staat übernahm damit nicht nur einen wesentlichen, verlässlichen und kontinuierlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag, sondern sorgte auch dafür, dass berufstätige

Eltern – unterstützt durch Kindergarten und Schule – ihrer Arbeit meist gut organisiert nachgehen konnten. In Ländern, wo diese Bildungseinrichtungen immer wieder – je nach Inzidenzzahl

– geschlossen werden, werden manche Familien vor sehr grosse Herausforderungen gestellt. Damit einhergehender psychischer Druck und Stress gehen nicht spurlos an den Kindern und Jugendlichen vorbei.

Fakt ist, dass Familien, die bereits vor dem Ausbruch der Pandemie auf verschiedene Ressourcen wie finanzielle Stabilität oder ein stabiles soziales Netz zurückgreifen konnten, es im Normalfall unbeschadeter durch diese Zeit schaffen. Bildung ist eine weitere Ressource und man weiss, dass Kinder und Jugendlichen in «Bildungshaushalten» mehr Unterstützung gewährleistet werden kann als in bildungsferneren Familien. Da, wo Schule nicht mehr zwischen bildungsnahen und bildungsfernen Familien ausgleichen kann, klafft die Schere immer weiter auseinander.


Wo liegt das Problem bei den bildungsfernen Familien?

Fühlen sich Eltern gleich in mehreren Bereichen überfordert, ist dies in ihrem Verhalten spürbar. Sie können den Kindern und Jugendlichen nicht die Sicherheit bieten, die sie gerade in einer Zeit, in der nichts stabil zu sein scheint, brauchen würden. Bei manchen Familien führt die Überforderung in verbale oder gar physische Gewalt oder verstärkt eine bereits latent vorhandene Aggressivität. Bildungsinstitutionen wie Kindergarten und Schule gelten normalerweise als erstes Sprachrohr für Kinder und Jugendliche, wenn diese familiär bedingt in Schwierigkeiten stecken, oder federn durch verschiedene Angebote, wie zum Beispiel Mensadienste, gesellschaftliche Ungleichheiten zum Teil ab. Dies zeigt sich aufgrund der aktuellen Situation aber als zunehmend

schwierig.


Gibt es auch eine Kehrseite?

Ja. Neben dem, was ich soeben als Schattenseite der Pandemie angesprochen habe, sehe ich auch viele Chancen. Manche Kinder und Jugendliche geniessen es, dass – aufgrund der eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten zur Aussenwelt – ihre Eltern mehr Präsenz in der Familie zeigen und dass aufgrund äusserer Umstände Kernfamilien grundsätzlich mehr gemeinsame Zeit miteinander verbringen können: die Geschäftsreisen des Vaters sind auf ein Minimum reduziert,

der Zwang zum Homeoffice erlaubt ein gemeinsames Mittagessen, die verordneten Kontakteinschränkungen zwingen die Kernfamilien dazu, sich mehr miteinander auseinander zu

setzen und sich dadurch bestenfalls noch näher zu kommen. Manche Kinder und Jugendliche, die sich in der Schule nicht so wohl und eher ausgegrenzt fühlten oder gar mit Schulangst zu kämpfen hatten, blühen im Homeschooling plötzlich auf. Diejenigen, die aufgrund von finanziellen Einschränkungen vieles bereits vor der Pandemie nicht mitmachen konnten, was für ihre Mitschüler und Mitschülerinnen bislang als selbstverständlich galt, müssen sich jetzt nicht mehr rechtfertigen, in den Ferien nicht in Urlaub gefahren zu sein oder mit Jahreszeitenwechsel nicht gleich mit der neuesten Markenkleidung in der Schule zu erscheinen.


Was können Eltern tun, wenn sie das Leiden ihrer Kinder

unter dem Eindruck der Einschränkungen beobachten?

In erster Linie sollten sie sich selbst fragen, wie sie mit den Einschränkungen umgehen und welche Botschaften sie den Kindern senden. Wenn es Eltern gelingt, den Kindern ausreichend Sicherheit zu vermitteln und den Fokus auf all das Positive zu legen, das einem trotz der Einschränkungen zuteil wird, haben sie bereits eine gute Basis gelegt.

Von dieser Basis ausgehend erweist es sich als hilfreich, je nach Alter der Kinder, gemeinsam mit ihnen den Tagesablauf zu strukturieren. Festgelegte Zeiten für gemeinsame Mahlzeiten wie das Frühstück, Mittagessen und das Abendessen können als Anker gesehen werden, um die sich der Rest des Tages planen lässt. Dazu gehören neben Lern- und gemeinsamen Spielphasen auch Kontakte zu Gleichaltrigen sowie zu anderen ausserfamiliären Bezugspersonen, welche derzeit vielfach über Medien erfolgen müssen. Eine weitere wichtige Rolle spielt die Bewegung,

die sowohl für die physische, kognitive als auch die psychische Gesundheit unentbehrlich ist. Bewegungsaktivitäten – und seien es das Radfahren, der Spaziergang, das Bodyworkout im

eigenen Wohnzimmer oder das Trampolinspringen im Garten – steigern die kognitive Leistungsfähigkeit, stärken das Selbstbewusstsein und vermindern Angst und Depressivität.


Wo können Eltern Unterstützung und Beratung holen?

In der Schweiz gibt es neben vielen privaten Dienstleistern verschiedene Beratungseinrichtungen für Eltern, die rund um die Uhr telefonisch oder via Mail kontaktiert werden können.

Ich denke beispielsweise an den Elternnotruf, das Beratungsangebot von Pro Juventute oder an den Schweizer Fachverband Mütter- und Väterberatung. Des Weiteren gibt es in jedem Kanton einen schulpsychologischen Dienst, an den sich die Eltern wenden können.


Können Kinder unter der Krise auch Resilienz und Widerstandskraft

entwickeln?

Davon bin ich überzeugt. Dies hängt allerdings zum einen von persönlichen Voraussetzungen ab, die die Kinder und Jugendlichen mitbringen, und zum anderen von den Ressourcen, auf die sie in ihrem Umfeld zurückgreifen können. Wenn sie lernen dürfen, dass an jedem Ende des Tunnels wieder Licht ist und sie gleichzeitig auch mit Hilfe der Erwachsenen lernen, ihr Augenmerk auf das viele Gute zu richten, das ihnen das Leben trotz momentaner Einschränkungen bietet, werden sie gestärkt aus dieser Krise herausgehen. 2003 erforschten Robert Emmons und Michael McCullough wie sich Zufriedenheit und Dankbarkeit auf das Glücksempfinden auswirken. Dankbarkeit ist ein Schlüssel zu mehr Wohlbefinden. Dankbare Personen erleben mehr Freude und haben somit indirekt auch mehr Widerstandkraft. Mit Kindern beispielsweise am Abend den Tag Revue passieren zu lassen und für die vielen Kleinigkeiten des Alltages, die uns oft so selbstverständlich erscheinen, zu danken, stärkt sie jetzt und über die Pandemie hinaus.


Welche Kinder haben eine Chance, sogar gestärkt aus der

Krise hervorzugehen?

Alle diejenigen werden gestärkt aus der Krise hervorgehen, die gelernt haben, auch mit weniger zufrieden und dankbar zu sein, und denen es gelungen ist, trotz Einschränkungen mit ihrer Um- und Mitwelt positiv zu interagieren und in Kontakt zu bleiben. Auch diejenigen, die in prekären Situationen erlebt haben, wie ihnen um ihrer Person willen geholfen wurde und denen dadurch neue Perspektiven aufgezeigt wurden, werden – gestärkt mit einem neuen Selbst-Bewusstsein – am Ende der Krise eine positive Bilanz ziehen.





Dr. Mag. Evelyn Matscher Pur (*1971, verh.)

ist Leiterin der Sozialpädagogik-Ausbildung der Höheren Fachschule für Sozialpädagogik ICP. Seit 2011/12 war sie Lehrbeauftragte an der Fakultät für Bildungswissenschaften an der Universität Bozen-Brixen. In dieser Funktion war sie auch Praktikumsverantwortliche für angehende pädagogische Lehrkräfte und Lehrpersonen. Ihre mehrjährige Unterrichtstätigkeit an verschiedenen Schulstufen führte sie zur Beratungs- und Supervisorentätigkeit für Lehrpersonen, pädagogische Fachkräfte, Beratungsteams und Sozialpädagogen. 2007 schloss sie ihr Doktoratsstudium an der Universität Innsbruck mit der Höchstnote ab und ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Systemische

Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF). Von 2008 bis 2013 war sie Ehrenrichterin am Jugendgericht Bozen. Schwerpunkte ihrer Tätigkeit waren auch die Schulsozialarbeit und die Schulpädagogik sowie Prävention und Gesundheitsförderung. Seit 2013 leitete sie zudem das Pädagogische Beratungszentrum Meran.

(Foto: privat)

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