Raus aus der «Mental-Load-Falle» – Ideal und Realität

Eine gerechte Arbeitsteilung in der Familie ist aktuelles Mega-Thema von Gleichstellungsbüros und Frauenrechtlerinnen. Das Ideal wird mittlerweile auch von vielen Männern unterstützt. Aber es muss sich auch den Realitäten stellen.

Die deutsche Psychologin, Patricia Cammarata ist im deutschsprachigen Raum als Buchautorin und Bloggerin zu Themen der Kindererziehung und digitaler Medien, Privatheit im Internet sowie «Mental Load» bekannt geworden. In ihrem neuesten Buch fordert sie Frauen auf, sich aus der «Mental-Load Falle» zu befreien und für Gleichberechtigung bei der Familienarbeit zu kämpfen.


Die selbstverständlichen Aufgaben hinterfragen

Mit «Mental Load» definiert Cammarata alle Aufgaben im Familienleben, deren Erledigung (für die Frauen) als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Sie wirft dabei ihre eigenen Erfahrungen in die Waagschale: drei Kinder, die erste Ehe geschieden, beim zweiten Mal vieles besser gemacht. Ihre wichtigste Lektion daraus lautet: alle Aufgaben fair zu verteilen und sie dann auch abzugeben ist schwierig, aber wichtig. Jedes Paar müsse hier seinen eigenen Weg finden.

Die Autorin fordert die Frauen auf, ihre Aufgaben zu hinterfragen im Bewusstsein, dass sie viele unbezahlte Überstunden machen. Sodann solle die Familienarbeit mit dem Partner passend aufgeteilt und regelmässig Bilanz gezogen werden. Es gelte, eine gleichberechtigte Partnerschaft zu etablieren. Sie gesteht dazu ein: «Persönlich halte ich es für das Gerechteste, wenn man es schafft, sich Aufgaben und Verantwortung ungefähr 50/50 zu teilen. Das gilt aber nicht für alle Paare.»

Cammarata ist sich zwar bewusst, dass jedes Paar letztlich ein Sonderfall ist. Doch auch wenn ein Paar das Ideal der Fifty-Fifty-Aufteilung der Familienarbeit teilt und daneben auch zu gleichen Teilen in der Erwerbsarbeit engagiert ist, gibt es Fallen, in die gerade Familienfrauen gerne hineinlaufen.

Zum einen beobachten Familienforscher wie der Soziologe René Lévy schon nach der Geburt des ersten Kindes einen Trend zur Re-Traditionalisierung, dass also Frauen die Berufsarbeit abbauen und die Mutterrolle, verbunden mit vermehrter Hausarbeit, übernehmen, während sich die Ehemänner oft noch stärker im Beruf engagieren, um das Einkommen zu sichern. Lévy referierte dazu an einer Fachtagung, die vom Psychologischen Institut der Universität Zürich im August 2019 veranstaltet wurde.


Wunsch und Realitäten

Dies bestätigte an der Tagung auch Johanna Possinger, Professorin für Frauen- und Geschlechterfragen an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Zwar äusserten viele Väter den Wunsch nach Teilzeitarbeit, um sich in der Familie zu engagieren. Laut einer Erhebung in Deutschland würden 40 Prozent der Väter eine Arbeitszeit zwischen 60 und 80 Prozent bevorzugen. Doch nur 8.5 Prozent könnten das auch realisieren. Die Erwartung der meisten Arbeitgeber sei nach wie vor, dass Männer 100 Prozent arbeiten.

Der bekannteste Vertreter der Männerbewegung in der Schweiz, Markus Theunert sagte es kurz und bündig: «Das Ideal der paritätischen Erziehungs- und Hausarbeit wird nicht gelebt.» Er verweist auf externe Hürden wie die aktuelle Steuergesetzgebung, die teure familienexterne Betreuung der Kinder und das Fehlen eines ausreichenden Vaterschaftsurlaubs.


Maternal Gate

Der deutsche Soziologe Michael Meuser sieht noch ein anderes Hindernis, das er mit dem Begriff «Maternal Gate» umschreibt: Viele Frauen sehen sich demnach als kompetenter für die Betreuung der Kinder und die Hausarbeit als ihre Partner. Männer, die sich partnerschaftlich beteiligen wollen, sähen sich alsbald in der Rolle von Praktikanten. Daher müssten sich auch die Frauen ändern. Es reiche nicht, nur nach den «neuen Vätern» zu rufen, es brauche auch die «neuen Mütter».



Foto: @flaxexo_unsplash

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