Umkämpfte Wahlfreiheit für Eltern

Das war gestern: Wer als Mutter auswärts arbeitete, wurde scheel angesehen. Man vermutete, dass die Kinder darunter leiden. Zudem war es die Rolle der Mutter, zu Hause zu bleiben. Basta.

Heute gilt: Frauen, die sich ganz der Familienarbeit – und allenfalls Freiwilligenarbeit – widmen, stehen unter Rechtfertigungsdruck. Maja Briner zitiert in den CH Medien vom 25. August Janine Oesch, Frau eines Pfarrers, mit den Worten: «Manchmal schäme ich mich zu sagen, dass ich nicht ausser Haus arbeite.» Und dies, obwohl sie und ihr Mann eine «moderne Rollenverteilung» angestrebt hätten. Doch sei die Umsetzung zu schwierig gewesen.

In einem Kommentar dazu schreibt die Redaktorin Anna Miller einen Tag später treffend: «Wer sich in der heutigen Zeit so richtig schämen will, Augenrollen erzeugen, Unverständnis ernten, der versuche es doch mal als Hausfrau. In meinen Kreisen zumindest, die sich als progressiv wahrnehmen, als feministisch und urban, ist die Vorstellung, als Frau am Herd zu stehen und keiner bezahlten Arbeit nachzugehen, eine Zumutung auf allen Ebenen.»

Wahlfreiheit – Wunschdenken und Realität

Laut dem Gleichstellungsbüro des Bundes müsste es eine Wahlfreiheit für Eltern geben. Aufgabe der Politik: «die Rahmenbedingungen sollen so sein, dass Eltern frei entscheiden können, welches Modell Ihren Bedürfnissen entspricht». Dafür seien jedoch flexible Arbeitszeitmodelle, Homeoffice und Teilzeitpensen auf allen Stufen notwendig. Doch der Bund und die Arbeitgeber sind vor allem an der Pensenerhöhung der vielen Teilzeitstellen für Frauen interessiert, was die Wahlfreiheit wiederum einschränkt.

Dass es für die Wahlfreiheit zahlreiche Hürden gibt, bestätigt auch Anna Miller. Doch Politik und Wirtschaft zögern, die Bedingungen dafür zu schaffen. Denn mit mehr Steuerabzügen für die familienexterne Betreuung ist es nicht getan. Gleichzeitig steigt gerade unter jungen Eltern das Bedürfnis, mehr Zeit für und mit den Kindern zu haben und das aus gutem Grund. So stellt die Jacobs Foundation in ihrem 2019 veröffentlichtem «Whitepaper zum Engagement in der frühen Kindheit: Fokus Kind» fest, dass zwei bis drei Tage frühkindlicher Förderung in externer Umgebung förderlich für das Kind seien, bei längerer externer Betreuung sich jedoch teilweise negative Auswirkungen im Verhalten des Kindes beobachten lassen. Neue und vor allem kreative Lösungen wären allerdings geeignet, diese Spannung zu verkleinern. Siehe unseren Bericht über «Kinderbetreuung – eine neue Idee verschafft sich Raum».

Das bedeutet auch: Chefs müssen Frauen auch nach einer längeren Familien-Auszeit Verantwortung übertragen, auch in Führungspositionen. Frauen beklagen sich, dass sie wegen Teilzeit keine Verantwortung wahrnehmen dürfen, oder dass sich nach der Rückkehr aus der Auszeit schlechtere Arbeitsbedingungen erhalten. Dass zum Beispiel ihre Projekte in der Zwischenzeit gestoppt worden seien.

Fazit: Es braucht geeignete und bezahlbare Betreuungsangebote. Aber besser mit abgestuften Tarifen, die sich auch Frauen im Niedriglohnbereich leisten können. Aber auch Anerkennung für Mütter und Väter, die sich für die Erziehung ihrer Kinder engagieren und damit auf zusätzliches Einkommen und bessere Rente verzichten. Sie leisten eine unbezahlbare Arbeit zugunsten von Gesellschaft und Wirtschaft. Janine Oesch weist darauf hin, dass die Vereinbarkeit überall dort leicht herzustellen ist, wo sich Grosseltern in der Enkelbetreuung engagieren. Aber das funktioniert schon wegen den räumlichen Distanzen längst nicht überall.


Mehr zum Thema: Artikel in der Aargauer Zeitung vom 25. August 2020

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