Wie sich Armutsbetroffene an der Verbesserung ihrer Situation beteiligen können

Neue Studie gibt interessante Einblicke in «Partizipationsmodelle»

Armutsbetroffenen Familien finanziell über die Runden zu helfen, ist wichtig, damit sie in der Gesellschaft nicht untergehen. Eine neue Studie zeigt nun, dass viel mehr für die Überwindung von Armut getan werden kann, und dass die Betroffenen sich daran aktiv beteiligen können. Die Studie wurde im Auftrag des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) von einem Team mit Mitgliedern von drei Hochschulen für Soziale Arbeit erstellt.

Über eine halbe Million Menschen, darunter viele Haushalte mit Kindern, sind laut Bundesstatistik von Armut betroffen. Rund eine Million sind gelten als bedroht. Die Ursachen dafür sind sehr vielfältig. Armut weist neben materiellen auch soziale, kulturelle und gesundheitliche Aspekte auf. Die Studienautoren sind nun zum Schluss gekommen, dass die Betroffenen viel stärker an der Verbesserung ihrer Situation beteiligt werden können und sollen. Die Studie trägt daher den Namen «Modelle der Partizipation armutsbetroffener und -gefährdeter Personen in der Armutsbekämpfung und -prävention». Sie wurde als Forschungsbericht der Nationalen Plattform gegen Armut publiziert. Evaluiert wurden dabei über 100 Beispielprojekte, Programme und Massnahmen, die als «partizipativ» bezeichnet werden können.

Daraus wurden sechs grundlegende Modelle der Partizipation entwickelt, die von einer Verbesserung der Ausbildung von Fachpersonen über die Optimierung von organisatorischen Strukturen über das politische Lobbying bis hin zur Verbesserung politischer und rechtlicher Rahmenbedingungen und schliesslich die gemeinschaftliche Selbsthilfe reichen.

Betroffenen eine Stimme geben

Die Autoren betonen, dass Armutsbetroffene und -gefährdete bereits bei der Planung von Projekten und bei der Erarbeitung der Grundlagen für neue Programm einbezogen werden sollen. Dies bedeute aber, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen und klar und verständlich mit ihnen zu reden. Insbesondere Ziele, Rollen und Mitbestimmungsmöglichkeiten müssten sorgfältig geplant und kommuniziert werden. Dazu seien aber «partizipationsorientierte Fachkompetenzen» nötig, was in Weiterbildungen den Fachleuten vermittelt werden müsse. Ebenso seien die Armutsbetroffenen im Bereich der Organisation und dem Aufbau von Interessenorganisationen und Netzwerken zu fördern.

Es gehe letztlich auch darum, Armutsbetroffenen eine Stimme zu geben und sie selbst in die Politik zur Bekämpfung und Prävention von Armut einzubeziehen, so die Autoren. So fühlten sich die Betroffenen respektiert und ernst genommen und könnten so verschiedene Kompetenzen stärken und weiterentwickeln. Sie könnten damit zu einer «inklusiveren Gesellschaft beitragen, die in der Lage ist, informierte politische Entscheidungen zu treffen, weil sie Expertinnen und Experten in eigener Sache geworden sind.

Praktische Empfehlungen

Der Bericht gibt sodann konkrete Empfehlungen für die Umsetzung ab, zum Beispiel was der neue Ansatz für das Sozialamt einer Gemeinde bedeuten kann, sodass sich die Klienten sicherer fühlen und sich einbringen können. Er regt zum Beispiel an, von Armut betroffene oder gefährdete Personen fest oder befristet in öffentlichen oder privaten sozialen Diensten, öffentlichen Verwaltungen oder Programmen im Sozial- oder Gesundheitsbereich anzustellen und so ihre Situation zu verändern.

Nun liegt es an der Politik, den Ämtern und den Ausbildungsstätten, sich mit dem neuen Ansatz auseinanderzusetzen und den Mut aufzubringen, Experimente zu wagen und Erfahrungen zu sammeln und auszuwerten.

Link:

BSV - Forschungsbericht: «Modelle der Partizipation armutsbetroffener und -gefährdeter Personen in der Armutsbekämpfung und -prävention»



Gemeinsam bereiten zum Beispiel von Armut betroffene und ehrenamtlich engagierte vielfach Päckli mit Lebensmitteln vor, die in der Coronazeit typisch für die Tafeln und andere Hilfsprojekte geworden sind. (Symbolfoto: wix.com)

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