Das Drama vieler muslimischer Familien

09.01.2015

Hinter dem Drama junger Dschihadisten, Attentätern und Selbstmordattentätern stehen oft Familiendramen: Söhne, die den Anschluss an die europäische Gesellschaft und in eine berufliche Zukunft nicht gefunden haben und sich dann radikalisieren liessen. Doch welche Hintergründe haben diese Familien überhaupt? Und wo liegen die tieferen Ursachen der Radikalisierung?

 

(SSF/iDAF/im.) Wer sich als Mus­lim be­kennt, muss nicht wirk­lich ein Mus­lim sein. Dar­auf macht jetzt das In­sti­tut für De­mo­gra­fie, All­ge­mein­wohl und Fa­mi­lie (iDAF) auf­merk­sam und weist auf die schon fast ba­na­le Rea­li­tät in mus­li­mi­schen Ge­sell­schaf­ten hin: „Mos­lem ist, wer sich dazu be­kennt.“ Denn: Ein sol­ches Be­kennt­nis ist in Län­dern wie dem Iran oder der Tür­kei in der Öf­fent­lich­keit ein Muss. Von klei­nen Min­der­hei­ten ab­ge­se­hen, sind dort of­fi­zi­ell fast alle Ein­woh­ner Mus­li­me. Zu­wan­de­rer aus die­sen Län­dern gel­ten des­halb bei uns als „Mus­li­me“,  was sie aber nicht un­be­dingt sind, wie em­pi­ri­sche Un­ter­su­chun­gen zei­gen. Denn zum einen sind nicht-mus­li­mi­sche Min­der­hei­ten (Chris­ten, Je­si­den u. a.) unter Zu­wan­de­rern aus die­sen Län­dern über­re­prä­sen­tiert, weil sie dort unter Ver­fol­gung lei­den. Zum an­de­ren gibt es er­staun­lich viele Zu­wan­de­rer aus „is­la­mi­schen“ Län­dern, die sich kei­ner Re­li­gi­on zu­ge­hö­rig füh­len. So ge­hö­ren laut Schät­zun­gen rund 20% der Mi­gran­ten aus mus­li­mi­schen Fa­mi­li­en einer christ­li­chen Kon­fes­si­on an.

 

Nicht­re­li­giö­se „Mus­li­me“

Der An­teil die­ser „Agnos­ti­ker“ un­ter­schei­det sich ein­schlä­gi­gen Stu­di­en zu­fol­ge je nach Her­kunfts­re­gi­on: Unter den Tür­ken liegt er bei ca. 15%, unter Ira­kern bei ca. 17%, unter Nord­afri­ka­nern bei ca. 20% und sogar 22% unter den Sy­rern. Noch we­sent­lich höher ist er unter Mi­gran­ten aus dem Iran: Von ihnen füh­len sich fast 40% kei­ner Re­li­gi­on zu­ge­hö­rig. Und auch die „Mus­li­me“ aus dem Iran sind ihrer Re­li­gi­on oft kaum ver­bun­den, für drei Vier­tel der Ira­ner spielt Re­li­gi­on keine nen­nens­wer­te Rolle im Leben; sie sind damit noch sä­ku­la­rer ein­ge­stellt als die deut­sche Be­völ­ke­rung ins­ge­samt. Der Grund dafür ist evi­dent: Es han­delt sich oft um Grup­pen, die nach der is­la­mi­schen Re­vo­lu­ti­on 1979 vor dem theo­kra­ti­schen Re­gime im Iran ge­flo­hen sind.

 

Für Mus­li­me aus der Tür­kei, die das Gros der vier Mil­lio­nen Mus­li­me in Deutsch­land bil­den und auch in der Schweiz einen hohen An­teil ein­neh­men, hat Re­li­gi­on einen we­sent­lich hö­he­ren Stel­len­wert, der sich vor allen an den Fest­ta­gen zeigt. Noch le­bens­prä­gen­der ist die Re­li­gi­on für Mus­li­me aus dem Nahen Osten und Nord­afri­ka. Damit ver­bun­den ist oft ein Frau­en- und Fa­mi­li­en­bild, das west­li­chen Gleich­heits­nor­men wi­der­spricht. Auch Mus­li­me, die wenig re­li­gi­ös sind, fol­gen hier „tra­di­tio­nel­len“ Leit­bil­dern, was sich zum Bei­spiel in einer ge­rin­ge­ren Er­werbs­be­tei­li­gung von Frau­en zeigt.

 

Man­geln­de Ar­beits­in­te­gra­ti­on hat Fol­gen

Gleich­zei­tig sind oft auch die Ar­beits­markt­chan­cen der Män­ner re­la­tiv schlecht, weil es an Qua­li­fi­ka­tio­nen fehlt. Das Pro­blem der Bil­dungs­de­pri­va­ti­on be­schränkt sich aber nicht, wie manch­mal un­ter­stellt wird, vor­wie­gend auf „streng­gläu­bi­ge“ Mus­li­me, die sich in „Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten“ ab­son­dern. Davon be­trof­fen sind auch eher sä­ku­la­re und in ihren Sit­ten li­be­ra­le Grup­pen: So hat mehr als die Hälf­te der Ale­vi­ten, deren Frau­en be­kannt­lich kein Kopf­tuch tra­gen, kei­nen oder nur einen nied­ri­gen Schul­ab­schluss. Das ist be­mer­kens­wert, denn in der öf­fent­li­chen Dis­kus­si­on wird Li­be­ra­li­tät/Frei­zü­gig­keit mit „In­te­gra­ti­on“ as­so­zi­iert. Für den so­zia­len Auf­stieg bie­tet sie aber keine Ge­währ, die­ser hängt ent­schei­dend an den Bil­dungs­an­stren­gun­gen. Und um­ge­kehrt ist (for­ma­le) Bil­dung auch keine Ga­ran­tie für „In­te­gra­ti­on“, wie stu­dier­te Selbst­mord­at­ten­tä­ter zei­gen. Wel­che Dra­men hin­ter den ver­lo­re­nen Söh­nen (und Töch­ter) aus sol­chen Fa­mi­li­en ste­hen, kann man nur ahnen.

 

Mehr Auf­klä­rung und Dis­kurs über Ge­walt in den Bü­chern des Islam

Das mögen Ein­zel­fäl­le sein, die aber grund­sätz­li­che Fra­gen nach dem Nähr­bo­den von re­li­giö­sem Fa­na­tis­mus und Ge­walt im Koran und den Schrif­ten des Islam auf­wer­fen. Hier­über weiß man immer noch zu wenig, hier wird immer noch zu wenig auf­ge­klärt. Ist das ein Tabu im öf­fent­li­chen Dis­kurs? Mehr Auf­klä­rung auch in die­sem Punkt würde die Dis­kus­si­on re­la­ti­vie­ren und ver­sach­li­chen. Denn hier dürf­te einer der mass­geb­li­chen Grün­de lie­gen für das Un­be­ha­gen in Tei­len der Be­völ­ke­rung ge­gen­über mus­li­mi­schen Zu­wan­de­rern oder dem Islam all­ge­mein.

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