Eine Politik der Widersprüche - Erstes Schweizer Suchtpanorama

13.02.2015

Die Suchtpolitik der Schweiz sei durchzogen von diversen Widersprüchen und Inkohärenzen, schreibt die Stiftung Sucht Schweiz. In Konkurrenz zueinander stehen namentlich wirtschaftliche Interessen und die Sorge um die Gesundheit der Bevölkerung. Ein dramatischer Appell an eine kohärente Präventionspolitik zum Wohl der Gefährdeten.

 

(SSF/APD/PD) In einer Me­di­en­mit­tei­lung zum ers­ten Schwei­zer Sucht­pan­ora­ma kri­ti­siert Sucht Schweiz, dass der Al­ko­hol­kon­sum im öf­fent­li­chen Raum zwar als Pro­blem wahr­ge­nom­men, der Al­ko­hol­markt aber wei­ter li­be­ra­li­siert werde. Die Zu­wen­dun­gen an die Ta­bak­pro­duk­ti­on blie­ben gleich hoch wie die Mit­tel für die Ta­bak­prä­ven­ti­on. Kon­se­quen­te­re Wer­be­be­schrän­kun­gen, wie sie an­ders­wo in Eu­ro­pa üb­lich seien, wür­den hier­zu­lan­de noch auf gros­sen Wi­der­stand stos­sen. Man wolle das Glücks­spiel-An­ge­bot auf dem In­ter­net er­wei­tern und gleich­zei­tig über­le­ge man, die Mit­tel für die Prä­ven­ti­on der Glücks­spiel­sucht zu strei­chen.

Diese Wi­der­sprü­che tra­gen laut der Stif­tung nicht zur Glaub­wür­dig­keit der Sucht­po­li­tik in der Schweiz bei. Diese schei­ne eher auf ideo­lo­gi­schen Hal­tun­gen auf­zu­bau­en und nicht dar­auf, wel­che Fol­gen sie für be­trof­fe­ne Per­so­nen, ihr Um­feld und die Ge­sell­schaft habe. Des­we­gen sei es wich­tig, die Si­tua­ti­on in der Schweiz und deren Aus­wir­kun­gen zu ana­ly­sie­ren. Die sei auch der Grund wes­halb Sucht Schweiz ab 2015 ein jähr­lich er­schei­nen­des Me­di­en­dos­sier mit dem Titel „Schwei­zer Sucht­pan­ora­ma“ ver­öf­fent­li­che. Es soll Ana­ly­sen zu Ent­wick­lun­gen in den Be­rei­chen Al­ko­hol, Tabak, il­le­ga­le Dro­gen und Glücks­spiel in der Schweiz ent­hal­ten.

 

We­ni­ger Al­ko­hol - trotz­dem viele Tote durch al­ko­hol­be­ding­te Ver­let­zun­gen und Krank­hei­ten

Im ver­gan­ge­nen Jahr­zehnt ist in der Schweiz, aber auch in an­de­ren Län­dern, der Al­ko­hol­kon­sum ge­sun­ken, heisst es im Sucht­pan­ora­ma. Be­stimm­te For­men des täg­li­chen Trin­kens sind nach und nach ver­schwun­den und fin­den sich heute vor allem noch bei äl­te­ren Per­so­nen. Eine Folge davon ist eine Ab­nah­me des Ge­samt­kon­sums in der Schweiz, ins­be­son­de­re von Wein. Die Ab­nah­me des täg­li­chen Al­ko­hol­kon­sums bei den Män­nern hat zu einer An­nä­he­rung zwi­schen den Ge­schlech­tern bei­ge­tra­gen. Gleich­zei­tig trin­ken heute mehr Frau­en re­gel­mäs­sig Al­ko­hol als noch vor 20 Jah­ren, vor allem bei den 65- bis 74-Jäh­ri­gen.

 

Die al­ko­hol­be­zo­ge­ne Pro­blem­last in der Schweiz ist mit 1.600 Toten pro Jahr und schät­zungs­wei­se 250.000 ab­hän­gi­gen Men­schen un­ver­än­dert hoch, schreibt die Stif­tung. Krebs­er­kran­kun­gen, Krank­hei­ten des Ver­dau­ungs­sys­tems sowie Un­fäl­le und Ver­let­zun­gen ma­chen den Gross­teil der al­ko­hol­be­ding­ten To­des­fäl­le aus. Bei Män­nern der Al­ters­grup­pe der 15- bis 34-jäh­ri­gen ist jeder fünf­te To­des­fall auf Al­ko­hol zu­rück­zu­füh­ren.

 

Der Ge­samt­kon­sum von Al­ko­hol und der Ri­si­ko­kon­sum haben bei Ju­gend­li­chen und jun­gen Er­wach­se­nen zwi­schen 15 und 24 Jah­ren in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten dem­nach zu­ge­nom­men. „Die punk­tu­el­len Rausch­zu­stän­de sta­gnie­ren heute auf einem hohen Ni­veau. Ohne Zwei­fel haben die Aus­deh­nung der Ver­kaufs­zei­ten und der nächt­li­chen Frei­zeit­an­ge­bo­te sowie die Preis­sen­kung von Al­ko­ho­li­ka hier­zu bei­ge­tra­gen“, so der Be­richt. Ex­zes­si­ver Al­ko­hol­kon­sum ist al­ler­dings nicht Pri­vi­leg der Jun­gen. Man fin­det ihn in allen Al­ters­ka­te­go­ri­en. Er ist auch bei be­rufs­tä­ti­gen Män­nern und sol­chen mit hohem Ein­kom­men stär­ker ver­brei­tet.

 

Die To­tal­re­vi­si­on des Al­ko­hol­ge­setz­tes ist laut Sucht Schweiz ein Schritt nach vorne und zwei zu­rück, weil damit die Li­be­ra­li­sie­rung des Al­ko­hol­mark­tes voran chrei­te, wäh­rend gleich­zei­tig die Ver­ant­wor­tung bei Pro­ble­men auf die Kon­su­mie­ren­den ab­ge­scho­ben wür­den. Der li­be­ra­li­sier­te Markt mache dem­nach die er­reich­ten Fort­schrit­te zu­nich­te. „Diese Po­li­tik kommt teuer zu ste­hen, wenn sie Ge­win­ne vor die Ge­sund­heit setzt.“ Es gelte nun zu han­deln, an­statt weg­zu­schau­en, so Sucht Schweiz.

 

Der Tabak: Das Ende der Baisse?

Der Ge­brauch von Tabak ist unter dem Ein­fluss struk­tu­rel­ler Mass­nah­men und so­zia­ler Norm­än­de­run­gen zwi­schen den Jah­ren 2000 und 2008 von 33 auf 27 Pro­zent der Be­völ­ke­rung ge­sun­ken, heisst es im Be­richt. Vor nicht allzu lan­ger Zeit durf­te man über­all rau­chen: Bei der Ar­beit, im Re­stau­rant oder in den öf­fent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln. Das Vier­tel der rau­chen­den Be­völ­ke­rung, tut dies heute oft nur noch auf der Stras­se und auf Bal­ko­nen. Stu­di­en­er­geb­nis­se deu­ten aber dar­auf hin, dass die Ab­wärts­ent­wick­lung bei der An­zahl Rau­cher und Rau­che­rin­nen und des Pas­siv­rau­chens nun zu Ende sein könn­te. Laut Er­geb­nis­sen von Sucht­mo­ni­to­ring Schweiz liegt der An­teil der Rau­chen­den ab 15 Jah­ren bei 25 Pro­zent der Ge­samt­be­völ­ke­rung. Von den täg­lich Rau­chen­den woll­ten 57 Pro­zent mit dem Rau­chen auf­hö­ren, heisst es im Sucht­pan­ora­ma.

 

Ein na­tio­na­les, streng kon­trol­lier­tes Ab­ga­be­ver­bot an Min­der­jäh­ri­ge ist des­halb un­er­läss­lich, er­gänzt durch ein Ver­bot von Zi­ga­ret­ten­au­to­ma­ten, for­dert Sucht Schweiz.

 

Il­le­ga­le Dro­gen: We­ni­ger He­ro­in, mehr Ec­sta­sy

Der drit­te wich­ti­ge Ab­wärts­trend be­trifft nach An­ga­ben von Sucht Schweiz ein we­ni­ger ver­brei­te­tes Phä­no­men, das aber für die öf­fent­li­che Ge­sund­heit gros­se Pro­ble­me ver­ur­sacht hat: der meist in­tra­ve­nö­se Kon­sum von He­ro­in. Es ist unter an­de­rem der bes­se­ren Be­hand­lung und Be­treu­ung der He­ro­in­kon­su­men­tin­nen und -kon­su­men­ten zu ver­dan­ken, dass sich die Pro­ble­ma­tik in Zu­sam­men­hang mit il­le­ga­len Dro­gen in der Schweiz ent­schärft hat. Al­ler­dings kon­su­mie­ren min­des­tens 40.000 jün­ge­re Men­schen täg­lich Can­na­bis, man­che von ihnen von mor­gens bis abends. Der il­le­ga­le Markt ist zudem in dau­ern­der Ver­än­de­rung, wie sich zum Bei­spiel mit der Rück­kehr von Ec­sta­sy zeigt. Aus­ser­dem ent­wi­ckelt sich der Ver­kauf übers In­ter­net, ins­be­son­de­re von neuen psy­cho­ak­ti­ven Sub­stan­zen.

 

Viele Glücks­spie­le, viele Ver­lie­rer

Laut Sucht­pan­ora­ma ist das An­ge­bot an Glücks­spie­len in der Schweiz zu Be­ginn die­ses Jahr­hun­derts stark ge­stie­gen, ei­ner­seits wegen der Zu­las­sung von Ca­si­nos und an­de­rer­seits durch die Di­ver­si­fi­zie­rung der Lot­te­rie­spie­le. Heute hat die Schweiz eine der gröss­ten Ca­sin­o­dich­ten der Welt. Nun soll auch das An­ge­bot von Glücks­spie­len im In­ter­net aus­ge­wei­tet wer­den. Die An­zahl ex­zes­siv Spie­len­der und die mit dem Glücks­spiel ver­bun­de­nen so­zia­len Kos­ten sind sehr hoch und die For­schung konn­te be­reits nach­wei­sen, dass bei Glücks­spie­len im In­ter­net noch hö­he­re Ri­si­ken be­ste­hen als bei her­kömm­li­chen Glücks­spie­len.

 

Laut Schät­zun­gen haben in der Schweiz letz­tes Jahr mehr als drei Mil­lio­nen Men­schen, der über 15-Jäh­ri­gen um Geld ge­spielt. Dabei sind die On­line-Geld­spie­le noch nicht ein­mal be­rück­sich­tigt. Davon gel­ten knapp 200.000 als mo­derat ris­kan­te Spie­ler und etwas über 75.000 als ex­zes­si­ve Spie­ler. Bei Letz­te­ren wer­den je nach Pro­ble­maus­prä­gung rund 47.000 pro­ble­ma­ti­sche Spie­ler von un­ge­fähr 28.000 pa­tho­lo­gi­schen Spie­lern un­ter­schie­den. Kon­se­quen­zen des ex­zes­si­ven Spiels seien Pri­vat­kon­kurs und Fa­mi­li­en­pro­ble­me, so die Stif­tung.

 

Zu­gäng­lich­keit: an jedem Wo­chen­tag, rund um die Uhr und über­all

Heute kann man rund um die Uhr Al­ko­hol kau­fen, oft zu nied­ri­gen Prei­sen, oder im In­ter­net um Geld spie­len. Auch zu Can­na­bis, Ko­ka­in oder Ec­sta­sy kommt man in Schwei­zer Städ­ten schnell und re­la­tiv pro­blem­los, was nicht ohne Fol­gen auf den Ge­brauch von Sub­stan­zen und Glücks­spie­len bleibt, heisst es im Be­richt.

 

Man­che Ver­hal­ten ver­än­dern sich, aber die Mehr­zahl der Fol­ge­pro­ble­me bleibt

Der Tabak bleibt die wich­tigs­te Ur­sa­che für früh­zei­ti­ge To­des­fäl­le in der Schweiz und der Al­ko­hol folgt auf drit­ter Po­si­ti­on. Psy­cho­ak­ti­ve Sub­stan­zen und das Glücks­spiel hän­gen jedes Jahr mit ins­ge­samt mehr als 10.000 To­des­fäl­len zu­sam­men und mit so­zia­len Kos­ten, die 10 Mil­li­ar­den Fran­ken über­stei­gen. Er­wähnt wer­den müss­ten laut der Stif­tung auch das Leid der meh­re­ren Hun­dert­tau­send ab­hän­gi­gen Men­schen sowie der Na­he­ste­hen­den und die – meist al­ko­hol­be­ding­ten – Fol­ge­pro­ble­me, wel­che mehr als die Hälf­te der Be­völ­ke­rung be­tref­fen wür­den.

 

Die Po­li­tik soll eine ko­hä­ren­te, glaub­wür­di­ge und wirk­sa­men Sucht­po­li­tik füh­ren

"Es ist höchs­te Zeit, dass die Schweiz eine ko­hä­ren­te Sucht­po­li­tik ent­wi­ckelt, ge­ra­de für be­son­ders ge­fähr­de­te Per­so­nen­grup­pen", be­tont Irene Ab­der­hal­den, Di­rek­to­rin von Sucht Schweiz.

 

Po­li­tik der Wi­der­sprü­che be­en­den

Zum ers­ten Mal prü­fen die bei­den Par­la­ments­kam­mern die Ge­setz­ge­bun­gen zu Al­ko­hol, Ta­bak­erzeug­nis­sen und Glücks­spiel par­al­lel, schreibt Sucht Schweiz. Dies wäre eine Ge­le­gen­heit, um einen glaub­wür­di­gen und ef­fi­zi­en­ten An­satz für den Sucht­be­reich zu ent­wi­ckeln. Tat­säch­lich wür­den die drei Ge­set­ze so be­han­delt, als hät­ten sie nichts mit­ein­an­der zu tun. Und um die In­hal­te jedes die­ser Ge­set­ze feilsch­ten In­ter­es­sen­grup­pen. Es müsse müh­sam um jeden Fran­ken für die Prä­ven­ti­on und um jede struk­tu­rel­le preis- oder zu­gangs­ori­en­tier­te Prä­ven­ti­ons­mass­nah­me ge­kämpft wer­den, deren Wirk­sam­keit be­reits nach­ge­wie­sen sei.

 

Sucht­pro­ble­me seien aber nicht nur Pro­ble­me ein­zel­ner In­di­vi­du­en so die Stif­tung, son­dern auch Pro­ble­me der gan­zen Ge­sell­schaft. Der Markt be­ein­flus­se stark das Ver­hal­ten von In­di­vi­du­en, ge­ra­de von be­son­ders ge­fähr­de­ten Per­so­nen. Der Er­hält­lich­keit und der An­prei­sung von Al­ko­hol, Tabak oder Glücks­spie­len Gren­zen zu set­zen, würde ei­gent­lich nur be­deu­ten, einen Markt zu re­gu­lie­ren, den man in letz­ter Zeit mehr und mehr sich selbst über­las­sen habe ohne ihm Schran­ken zu set­zen. Wer Sucht­pro­ble­me re­du­zie­ren wolle, müsse den Markt wirk­sa­mer re­gu­lie­ren und par­al­lel dazu der Prä­ven­ti­on, der Scha­dens­min­de­rung und der Be­hand­lung Mit­tel zur Ver­fü­gung stel­len, for­dert Sucht Schweiz.

 

Zum ausführlichen Mediendossier des „Suchtpanoramas Schweiz 2015“

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