Was unsere Kinder schwächt und was sie stark macht

25.02.2015

Ein Argument für Kinderkrippen lautet, dass Kinder Gleichaltrige brauchen, um optimal zu lernen und sich zu sozialisieren. Der kanadische Entwicklungspsychologe Gordon Neufeld warnt allerdings davor, Kinder den Peergroups zu überlassen und weist auf die Wichtigkeit erwachsener Vertrauenspersonen hin.

 

(SSF/im.) Kinder erleben heute viel mehr Trennung von ihren Eltern als frühere Generationen. Ein Resultat der modernen Erwerbswelt, die beide Eltern beruflich aktiv sehen will. Doch die ausschliessliche Bindung an Gleichaltrige und Peergroups kann für Kinder gefährlich sein. “Für eine echte Persönlichkeitsentwicklung brauchen sie eine stabile Bindung an einen fürsorglichen Erwachsenen“, betont der kanadische Entwicklungspsychologe in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift „Familie ist Zukunft“ der Schweizerischen Stiftung für die Familie (SSF

 

Die Überforderung

Das gilt besonders für Kinder mit psychischen Störungen wie Wutanfällen und Aggressionen. „Wenn diese Kinder sich an Gleichaltrige (Peer) binden, erfahren sie noch grössere Frustration“, erklärt Neufeld. „Denn Bindungen an Gleichaltrige können keine echte Geborgenheit liefern. In dem Masse, wie Frustration und Gleichaltrigen-Orientierung (Peerorientation) bei unseren Kindern überhandnimmt, eskaliert auch die Gewalt.“

 

Zur Begründung erklärt Gordon Neufeld: „Wer sich an Gleichaltrigen orientiert, bezieht von dort all seine Einflüsse und Werte. Ein Kind, das sich an seinen Altersgenossen orientiert, nimmt sie als Vorbilder dafür, wie es aussehen muss, wie es spricht, wie es geht, wie es sich kleidet. Gleichaltrige werden die Quelle für die Sprache, für die Kultur und für die Werte.“ Der Erziehungswissenschafter Albert Wunsch weist denn auch darauf hin, dass der Spracherwerb in unserem aktuellen multikulturellen Umfeld erschwert wird und die Kinder sich ein "kunterbuntes Multi-Kulti-Kauderwelsch" aneignen, wenn sie hauptsächlich unter ihresgleichen sind.

 

Grosse Verletzlichkeit

Gleichaltrige können für unsere Kinder somit wichtiger werden als die Erwachsenen. Es sei ein Irrtum anzunehmen, dies sei natürlich, warnt Neufeld, auch wenn es tragischerweise normal geworden sei. Er erklärt dazu: „Wenn wir Kinder im selben Alter zusammenbringen und sie sich aneinander binden, tendiert das eine Kind dazu, zu dominieren, das andere, sich in Abhängigkeit zu begeben.“ Neufeld spricht von der „Schulhaus-Tyrannei“. Der Dominanzinstinkt allein mache noch keinen Schulhof-Tyrannen. „Aber wenn er gekoppelt ist mit der Flucht vor der eigenen Verletzlichkeit, entsteht Gewalt.“ Normalerweise sei die Dominanz in einer Bindung mit einem Instinkt für Verantwortung und Fürsorglichkeit gekoppelt. Doch dieser fehle hier. Die Gleichaltrigen-Orientierung schaffe eine unerträgliche Verletzlichkeit. Dabei seien die „Verletzungen umso grösser, je wichtiger Kinder füreinander sind. Zweitens verlieren an Gleichaltrigen orientierte Kinder den wichtigsten Schutzschild gegen Verletzung durch Gleichaltrige.“

 

Die Rolle des fürsorglichen Erwachsenen

Die Forschung zeigt laut Neufeld, dass die stabile Bindung an einen fürsorglichen Erwachsenen ein Kind am sichersten vor unerträglichen Verletzungen schützt. „Denn

Kinder lernen von jenen, an die sie gebunden sind.“ Wenn sie stärker an ihre Altersgenossen gebunden sind als an Erwachsene, seien die Gleichaltrigen ihre Lehrer, im Guten wie im Schlechten. Meistens im Schlechten. Neufeld: „Was ein Kind von seinen Altersgenossen lernt, spiegelt nicht die Werte und die Kultur der Erwachsenen wider. Kinder besitzen noch keine Weisheit, keine Perspektive, und ihre Werte sind kurzlebig.“ Das Kind passe sich so einer Gesellschaft an, die mit den Werten der Erwachsenen nichts zu tun habe. Wenn es richtig wäre, dass Kinder von ihren Gleichaltrigen lernen müssen, um klarzukommen, hätten wir nicht solche Schwierigkeiten. Kinder müssten viel mehr ihre eigene Persönlichkeit entwickeln, um andere als getrennte Personen zu behandeln. Dazu seien erwachsene Vertrauenspersonen unabdingbar.

 

Die Forschung ist laut Neufeld einhellig zum Ergebnis gekommen, „dass die Erwachsenen im Leben von Kindern am wichtigsten sind. Bei Kindern, die auch mit zwölf Jahren noch die Gesellschaft ihrer Eltern vorziehen, sei die Wahrscheinlichkeit am grössten, „dass sie fit für die Gesellschaft werden und echte Gemeinschaft erleben können“.

 

Kinder brauchen daher dass ihre Eltern Beziehungen zu fürsorglichen Erwachsenen pflegen, die sie ersetzen können, wenn es nötig ist. Neufeld: „In unserer heutigen Gesellschaft müssen wir, wenn wir Kinder zeugen, auch die Bindungen erzeugen, die unsere Kinder brauchen.“

 

 

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