Lehrplan 21 – gescheitertes Reformwerk oder Basis einer globalisierten Schule?

03.03.2015

Wird aus dem Lehrplan 21 ein Lehrplan 5? Werden ihn schliesslich nur fünf Kantone einführen, wie es die Basler Ständerätin Anita Fetz befürchtet? Diese Frage stellt sich angesichts des grossen Widerstandes gegen das Reformwerk. Worauf gründet die grosse Aufregung?

 

(SSF/im.) Die Ma­cher des Lehr­plans haben mitt­ler­wei­le nicht nur El­tern und Kir­chen­ver­tre­ter gegen sich auf­ge­bracht, son­dern auch Po­li­ti­ker, Bil­dungs­ex­per­ten und viele Lehr­kräf­te. Allzu blau­äu­gig in­te­grier­ten sie tren­di­ge ideo­lo­gi­sche und bil­dungs­wis­sen­schaft­li­che Trends in das Re­form­werk. Bei­spie­le sind pro­gres­si­ve Ideen zur Se­xu­al­er­zie­hung, ver­bun­den mit Gen­de­ris­mus sowie die völ­li­ge Gleich­set­zung von Re­li­gio­nen ohne Be­rück­sich­ti­gung der kul­tu­rel­len und ge­sell­schaft­li­chen Werte, die un­se­re Ge­sell­schaft bis heute prä­gen und stüt­zen.

 

„Bü­ro­kra­ti­sches Mons­ter“ 

200 Bil­dungs­fach­leu­te haben es in acht Jah­ren ge­schafft, ein Werk zu kre­ieren, das jetzt als bü­ro­kra­ti­sches Mons­ter be­schimpft wird und dem die All­tags­taug­lich­keit im Schul­zim­mer ab­ge­spro­chen wird. Hin­ter dem Lehr­plan ste­cke ein tech­no­kra­ti­sches Men­schen­bild, kri­ti­siert zum Bei­spiel der Se­kun­dar­leh­rer und Bil­dungs­fach­mann Hans­pe­ter Am­stutz in einem Bei­trag der Zeit­schrift „Be­ob­ach­ter“ vom 20. Fe­bru­ar. Und Ralph Fehl­mann, Fach­di­dak­ti­ker an der Uni­ver­si­tät Zü­rich, be­kennt darin, nach der Lek­tü­re des Lehr­plans 21 eine schlaf­lo­se Nacht ver­bracht zu haben. Er kri­ti­siert ins­be­son­de­re die Zer­le­gung des Stoffs in die 363 Ein­zel­kom­pe­ten­zen. So zer­fal­le „die Ge­stalt des Un­ter­richts ir­gend­wann zu Staub“. Fehl­mann kri­ti­siert ins­be­son­de­re die Ab­sicht, Kom­pe­ten­zen von Wis­sen zu tren­nen. Das sei eine ent­schie­den fal­sche Stoss­rich­tung und diene dem Ziel, den Lern­er­folg ob­jek­tiv ver­mes­sen, statt die Schü­ler för­dern zu wol­len. Ganz im Sinne der Pi­sa-Ra­tings. 

 

Laut den Ideen der Lehr­plan 21-Ma­cher sol­len Schü­ler sich das Wis­sen weit­ge­hend selbst an­eig­nen und dabei vom Leh­rer und der Leh­re­rin le­dig­lich ge­coacht wer­den. Dies führt aber, so die Be­fürch­tung der Prak­ti­ker, zu einer Iso­lie­rung der Schü­ler und macht es un­mög­lich, dass schwä­che­re auch mal von stär­ke­ren Schü­lern ler­nen. Zu be­fürch­ten ist somit, dass ge­ra­de schwä­che­re Schü­ler auf der Stre­cke blei­ben. 

 

Vom „Schreib­tisch der Päd­ago­gik-In­dus­trie“

Ist der Lehr­plan 21 ein Werk von welt­frem­den Theo­re­ti­kern im El­fen­bein­turm? Die Re­ak­tio­nen las­sen dar­auf schlies­sen, dass sie bei ihrer acht­jäh­ri­gen Ar­beit kaum den Kon­takt zur Schul­all­tags-Rea­li­tät ge­sucht haben. Hans­pe­ter Am­stutz spricht jetzt von einer neuen „Schreib­tisch-Er­fin­dung der Päd­ago­gik­in­dus­trie“, die wie schon frü­he­re von der Rea­li­tät kor­ri­giert wer­den muss. Wie welt­fremd hier ope­riert wurde, il­lus­triert ein Bei­spiel aus der Re­li­gi­ons­kun­de. Im ers­ten Ent­wurf hät­ten Schü­ler nach dem zwei­ten (!) Schul­jahr in der Lage sein sol­len, „Feste ver­schie­de­ner Re­li­gio­nen an­hand der Bräu­che und Er­zäh­lun­gen zu er­läu­tern sowie kul­tu­rel­le Un­ter­schie­de zu ana­ly­sie­ren“. In der zwei­ten Fas­sung wird eine ähn­li­che Ziel­for­mu­lie­rung auf das sechs­te Schul­jahr an­ge­legt: „Schü­ler kön­nen Haupt­fes­te ver­schie­de­ner Re­li­gio­nen an­hand ihrer Bräu­che und Er­zäh­lun­gen er­läu­tern und mit­ein­an­der ver­glei­chen (Weih­nach­ten, Os­tern, Fas­nacht, Pes­sach, Ra­ma­dan, Holi, Di­va­li)“. Immer noch ein ganz schön an­spruchs­vol­les Ziel!

 

Lei­den­schaft­li­che Leh­rer oder Coa­ches aus Ham­burg?

In sei­ner Ana­ly­se weist der Be­ob­ach­ter auch auf die Rolle des Leh­rers hin, ein Kern­an­lie­gen auch von Hans­pe­ter Am­stutz. 2008 hat der neu­see­län­di­sche Bil­dungs­for­scher John Hat­tie an­hand von zahl­lo­sen Stu­di­en und Ana­ly­sen ein Buch mit dem Titel „Vi­si­ble Learning“ ver­öf­fent­licht. Es wurde zu einem päd­ago­gi­schen Stan­dard­werk mo­der­ner Päd­ago­gik und be­schreibt, wie es zum Lern­er­folg kommt. Das Re­sul­tat wirkt so tri­vi­al wie ein­leuch­tend: Es kommt auf den Leh­rer und die Leh­re­rin an, der „mit Lei­den­schaft bei der Sache ist“, so Hat­tie. Der auf Mess­bar­keit von Kom­pe­ten­zen an­ge­leg­te und ab­ge­ho­ben wir­ken­de Lehr­plan scheint ge­ra­de die­sen Lehr­per­so­nen die Ar­beit nicht ein­fa­cher zu ma­chen. 

 

Vor der Ab­schaf­fung der öf­fent­li­chen Schu­le?

Die Stel­lung­nah­me des Dach­ver­ban­des der Schwei­zer Leh­re­rin­nen und Leh­rer (LCH) lässt tief bli­cken. Of­fi­zi­ell un­ter­stützt der Ver­band das Re­gel­werk und be­zeich­net es als „nütz­lich“ für alle, die mit Schu­le zu tun haben. Gleich­zei­tig gibt das State­ment von Jörg Brühl­mann, Lei­ter der Päd­ago­gi­schen Ar­beits­stel­le LCH, zu den­ken, der an­fügt, die „Glo­ba­li­sie­rung“ von Kom­pe­ten­zen durch ihre Los­lö­sung aus dem kul­tu­rel­len und ge­sell­schaft­li­chen Kon­text könne die Pri­va­ti­sie­rung der Schu­len för­dern. Dies för­de­re die Pri­va­ti­sie­rung der Schu­le. So sei in Zu­kunft denk­bar, dass ein Leh­rer aus Ham­burg, an­ge­stellt von einer in­ter­na­tio­na­len Firma, in Zu­kunft pro­blem­los Schwei­zer Schul­kin­der via Skype coa­chen kann, jedes ge­mäss sei­nem in­di­vi­du­el­len Tempo. So ge­se­hen könn­ten nach dem Ur­teil der Bas­ler Stän­de­rä­tin Anita Fetz wohl bald öf­fent­li­che Schul­zim­mer ab­ge­schafft, Schwei­zer Lehr­per­so­nen durch bil­li­ge­re aus­län­di­sche er­setzt und damit viel Geld ge­spart wer­den.

 

Mo­men­tan for­miert sich in den Kan­to­nen eine Al­li­anz gegen den Lehr­plan 21 als „bü­ro­kra­ti­sches Mons­ter“. In ei­ni­gen Kan­to­nen sind Volks­in­itia­ti­ven be­reits zu­stan­de ge­kom­men, in an­dern wer­den Un­ter­schrif­ten ge­sam­melt oder Volks­in­itia­ti­ven vor­be­rei­tet. Das Re­form­werk dürf­te damit das Ziel einer in­halt­li­chen Har­mo­ni­sie­rung der Schwei­zer Schu­len ver­feh­len.

 

Die Zeit­schrift „Fa­mi­lie ist Zu­kunft“ in­for­miert re­gel­mäs­sig über Fa­mi­li­en- und Er­zie­hungs­the­men. Zeit­schrift be­stel­len

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