Familienexterne Kinderbetreuung bleibt ein Spannungsfeld

27.05.2015

Der Bundesrat hat am 21. Mai 15 das Departement des Innern beauftragt, ein auf drei Jahre befristetes Gesetz zur Förderung der familienexternen Kinderbetreuung auszuarbeiten und in die Vernehmlassung zu schicken. Es soll vor allem die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ erleichtern.

 

(SSF/im./AW) Mit sei­nem Ent­scheid kommt der Bun­des­rat zwei­fel­los den Wün­schen der Wirt­schaft ent­ge­gen, die an­ge­sichts der Pro­ble­me bei der Um­set­zung Mas­sen­wein­wan­de­rungs­in­itia­ti­ve noch mehr Müt­ter an den Ar­beits­platz rufen will. Hier müs­sen die Wün­sche von Or­ga­ni­sa­tio­nen, die den Fokus auf die Be­dürf­nis­se der Kin­der rich­ten, zu­rück­ste­hen. Und den­noch bleibt wich­tig, das deren Stim­men nicht un­ge­hört ver­hal­len. Vor allem wenn sie un­po­le­misch und wis­sen­schaft­lich be­grün­det er­ho­ben wer­den.

 

In einem Auf­satz hat jetzt der Er­zie­hungs­wis­sen­schaf­ter und Autor Al­bert Wunsch (die Ver­wöh­nungs­fal­le, Ab­schied von der Spass­päd­ago­gik ...) auf die Aus­wir­kun­gen der Be­treu­ung in Krip­pen hin­ge­wie­sen. Ein wich­ti­ges Fazit lau­tet zum Bei­spiel: Die Stress­be­las­tung – mit spä­te­ren psy­cho­so­zia­len Aus­wir­kun­gen – der Kin­der hängt gar nicht so sehr von der Qua­li­tät der Krip­pe ab. Die Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten bei die­sen Kin­dern sind auch in qua­li­ta­tiv guten Krip­pen hoch. An­der­seits dämp­fen die Stu­di­en Hoff­nun­gen auf bes­se­re Sprach­ent­wick­lung von Mi­gran­ten­kin­dern oder För­de­rung des so­zia­len Ver­hal­tens. Wunsch zi­tiert dazu den re­nom­mier­ten Fa­mi­li­en­the­ra­peu­ten und Grün­der von Fa­mi­ly­lab In­ter­na­tio­nal, Je­sper Juul, mit den Wor­ten: «Kin­der­krip­pen sind nicht für das Wohl­be­fin­den der Kin­der ge­schaf­fen wor­den».

 

Ein Kri­te­ri­en­ka­ta­log

Den­noch rät Al­bert Wunsch nicht ge­ne­rell von der Krip­pen­be­treu­ung ab, gibt El­tern aber ein paar Test­fra­gen mit, mit deren Hilfe sie ihre Ent­schei­dung fäl­len bzw. den rich­ti­gen Zeit­punkt für die Be­treu­ung und die rich­ti­ge Ein­rich­tung wäh­len soll­ten:

 

„Kommt ein Klein­kind di­rekt nach der Mut­ter­schutz-Zeit (eine Säug­lings-Schutz-Zeit gibt es noch nicht) oder – eine ent­spre­chen­de Reife vor­aus­ge­setzt – erst im Alter von gut zwei Jah­ren in die Be­treu­ung?

 

Wie zeit­lich-emo­tio­nal ein­fühl­sam ver­lief bzw. ver­läuft für den Säug­ling bzw. das Kleinst­kind die Phase des Hin­ein­fin­dens in die Be­treu­ungs­si­tua­ti­on?

 

Für wie viele Stun­den täg­lich und wie viele Tage in der Woche ist ein Klein­kind in der Be­treu­ung?

 

Exis­tiert eine – be­leg­bar und nicht de­kla­riert – gute oder in­dif­fe­ren­te Mut­ter-/El­tern­bin­dung?

Sind Vater oder Mut­ter bei auf­tre­ten­den Pro­ble­men schnell er­reich- und ver­füg­bar?

 

Ach­ten El­tern und Be­treu­ungs­per­so­nal auf ein ab­ge­stimm­tes er­zie­he­ri­sches Vor­ge­hen und in­for­mie­ren sie sich täg­lich ge­gen­sei­tig über Ent­wick­lungs­schrit­te oder Vor­fäl­le? (Das Per­so­nal be­klagt stän­dig, dass El­tern beim Hin­brin­gen und Ab­ho­len gar keine Zeit für wich­ti­ge Infos haben)

 

Wie viel be­leg­ba­re Bin­dungs-/Um­gangs-Zeit er­hält das Kleinst­kind in­ner­halb der Fa­mi­lie?

Han­delt es sich um ein An­ge­bot mit hoher oder durch­schnitt­li­cher Qua­li­tät und durch wel­che Kri­te­ri­en wird dies deut­lich?

 

Ist die Kon­stanz der Er­satz-Be­zugs­per­so­nen in­ner­halb der Ein­rich­tung gross oder wech­seln diese häu­fig in der Klein­kind­pha­se? (Bei Schicht­dienst ist das un­ab­hän­gig von einem mög­li­chen Stel­len­wech­sel täg­lich der Fall.)“

 

Auf­ent­halts­dau­er ent­schei­dend

Wich­tig ist laut Al­bert Wunsch vor allem die Auf­ent­halts­dau­er in der Krip­pe. Denn: „Die wich­tigs­ten Be­fun­de wei­sen in die­sel­be Rich­tung: Je frü­her und län­ger Klein­kin­der in der Krip­pe oder an­de­ren aus­ser­häus­li­chen Be­treu­ungs-Diens­ten ver­brin­gen, desto um­fang­rei­cher soll­te mit man­gel­haf­ter in­di­vi­du­el­ler För­de­rung bzw. auf­tre­ten­den Stö­run­gen ge­rech­net wer­den.“ Wer die Wahl hat, das Kind einer Ta­ges­mut­ter zu geben, soll­te diese Va­ri­an­te in der Regel vor­zie­hen. Al­ler­dings sei auch diese Be­treu­ungs­mög­lich­keit oft mit Ver­lust­ängs­ten von­sei­ten des Kin­des be­las­tet.

 

Jay Bels­ky, Psy­cho­lo­gie­pro­fes­sor an der Uni­ver­si­ty of Ca­li­for­nia in Davis, USA ,ruft daher dazu auf, in der gan­zen Dis­kus­si­on, die er auch schon als «Krip­pen­krieg» be­zeich­ne­te, die hu­ma­ni­tä­ren Über­le­gun­gen nicht zu ver­ges­sen: «Was wol­len nicht nur Müt­ter, Väter, Po­li­ti­ker und die Ge­sell­schaft, son­dern was wol­len die Kin­der?»   

 

Al­bert Wunsch: In­ten­si­ve Krip­pen-Be­treu­ung als la­tent de­sta­bi­li­sie­ren­der Ein­fluss

 

Dr. Al­bert Wunsch ist Psy­cho­lo­ge, Di­plom-So­zi­al­päd­ago­ge, Di­plom-Päd­ago­ge und pro­mo­vier­ter Er­zie­hungs­wis­sen­schaft­ler. Er ist Vater von 2 Söh­nen und Gross­va­ter von 3 En­kel­töch­tern. Seine Bü­cher: Die Ver­wöh­nungs­fal­le, Ab­schied von der Spa­ß­päd­ago­gik, Bo­xen­stopp für Paare und: Mit mehr Selbst zum sta­bi­len ICH - Resi­li­enz als Basis der Per­sön­lich­keits­bil­dung, lös­ten ein star­kes Me­di­en­echo aus.

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