Wer macht jetzt die Familienpolitik in der Schweiz?

20.10.2015

Über 30 Jahre lang hat die CVP Nationalrätin Lucrezia Meier-Schatz die Familienpolitik in der Schweiz geprägt oder mitgeprägt. Nun tritt sie als Nationalrätin und als Geschäftsführerin von Pro Familia zurück. Was hinterlässt sie? Welche Aufgaben warten auf ihre Nachfolger/innen? Das grosse Interview mit der profiliertesten Familienpolitikerin der letzten zwei Dekaden.

 

SSF: Frau Mei­er-Schatz, wenn Sie auf Ihre Zeit als Fa­mi­li­en­po­li­ti­ke­rin zu­rück­bli­cken, wel­cher Er­folg freut Sie am meis­ten?

Lu­cre­zia Mei­er-Schatz: Da gibt es ver­schie­de­ne. Ich ar­bei­te­te be­reits 1978 – 1981 in einer Ex­per­ten­kom­mis­si­on des Bun­des mit, die es er­mög­lich­te den ers­ten Fa­mi­li­en­be­richt zu er­stel­len. 1994 konn­te ich als Ge­schäfts­füh­re­rin von Pro Fa­mi­lia im Auf­trag des Bun­des­ra­tes das Jahr der Fa­mi­lie in der Schweiz or­ga­ni­sie­ren. Die­ses bil­de­te dann den Grund­stein zur Grün­dung der Eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­si­on für die Fa­mi­lie (EKFF). So­dann stieg ich in die ak­ti­ve Po­li­tik ein. Damit konn­te die Fa­mi­li­en­po­li­tik auf das na­tio­na­le Par­kett ge­bracht und zum Bei­spiel das alte An­lie­gen „ein Kind – eine Zu­la­ge“ und ein Mut­ter­schafts­ur­laub rea­li­siert wer­den. 

 

Wer wird im Par­la­ment in Ihre gros­sen Fusstap­fen tre­ten?

Ich denke an ver­schie­de­ne Per­so­nen, in­ner­halb der Par­tei wird Bar­ba­ra Schmid-Fe­de­rer die Fa­mi­li­en­po­li­tik aktiv mit­ge­stal­ten. Wich­ti­ger für Pro Fa­mi­lia ist aber, dass ei­ner­seits seit dem Wahl­sonn­tag vom 18. Ok­to­ber so­wohl un­se­ren Pro Fa­mi­lia Prä­si­den­ten Lau­rent Wehr­li als auch un­se­re wie­der­ge­wähl­te Vi­ze­prä­si­den­tin Valé­rie Pil­ler-Car­rard im Na­tio­nal­rat sit­zen. An­de­rer­seits haben wir, Jac­que­line Fehr und ich, vor ei­ni­gen Jah­ren die Par­la­men­ta­ri­sche Grup­pe Fa­mi­li­en­po­li­tik ins Leben ge­ru­fen und nun das Co-Prä­si­di­um in jün­ge­re Hände ge­legt, die Vi­ze­prä­si­den­tin von Pro Fa­mi­lia, Valé­rie Pil­ler Car­rard und Bar­ba­ra Schmid-Fe­de­rer (CVP) sind nun in der Ver­ant­wor­tung. Ich gehe davon aus, dass die bei­den Per­sön­lich­kei­ten – ge­mein­sam mit un­se­rem Prä­si­den­ten und wei­te­ren Na­tio­nal- und Stän­de­rä­ten – die Fa­mi­li­en­po­li­tik im Par­la­ment vor­an­trei­ben wer­den. 

 

Wird auch in der SP je­mand die Rolle von Jac­que­line Fehr über­neh­men?

Die Vi­ze­prä­si­den­tin von Pro Fa­mi­lia, Na­tio­nal­rä­tin Valé­rie Pil­ler Car­rard, ge­hört der SP an.

 

Sie tre­ten auch als Ge­schäfts­füh­re­rin von Pro Fa­mi­lia Schweiz zu­rück. Diese Or­ga­ni­sa­ti­on scheint in der Schweiz das immer noch feh­len­de Bun­des­amt für die Fa­mi­lie zu er­set­zen. Gibt es jetzt noch einen di­rek­ten Link von Pro Fa­mi­lia ins Bun­des­haus.

Der Link ist mit dem Pro Fa­mi­lia Prä­si­den­ten Lau­rent Wehr­li und un­se­rer Pro Fa­mi­lia Vi­ze­prä­si­den­tin Valé­rie Pil­ler-Car­rard nach wie vor ge­ge­ben. Auch der zu­künf­ti­ge Di­rek­tor von Pro Fa­mi­lia, Phil­ip­pe Gna­e­gi, ist gut ver­netzt mit dem Par­la­ment und wird die Lob­by­ar­beit fort­set­zen.  

 

Wird es ein­mal ein Bun­des­amt für die Fa­mi­lie geben?

Es gab frü­her eine Sek­ti­on für Fa­mi­li­en­po­li­tik. Diese wurde durch ein Ge­schäfts­feld Fa­mi­lie, Ge­ne­ra­tio­nen und Ge­sell­schaft (FGG) er­setzt. Lei­der ist nicht damit zu rech­nen, dass diese In­sti­tu­ti­on in ein Bun­des­amt für Ge­ne­ra­tio­nen­fra­gen über­führt wird. 

 

Liegt das an der man­geln­den Be­deu­tung der Fa­mi­lie, die der Bund ihr gibt?

Seit den 80er Jah­ren wie­sen wir immer wie­der dar­auf hin, dass es ein Bun­des­amt für Fa­mi­li­en­fra­gen braucht. Denn die Fa­mi­lie ist die Kern­zel­le un­se­rer Ge­sell­schaft und staats­tra­gen­des Ele­ment zu­gleich. Selbst­ver­ständ­lich sind in un­se­rem fö­de­ra­len Staat die Auf­ga­ben un­ter­schied­lich ver­teilt, doch wir stel­len immer mehr fest, dass Fa­mi­li­en, je nach Wohn­ort keine Gleich­be­hand­lung mit Fa­mi­li­en in an­de­ren Kan­to­nen er­fah­ren. Diese un­ter­schied­li­chen Aus­gangs­la­gen er­for­dern eine na­tio­na­le Sicht, denn nur so kann eine ko­hä­ren­te Fa­mi­li­en­po­li­tik, die allen Fa­mi­li­en los­ge­löst vom Wohn­ort ge­recht wird, ent­ste­hen. Der Bund hat in den letz­ten Jah­ren ver­schie­de­ne Im­pul­se ge­ge­ben, so auch der 2. Fa­mi­li­en­be­richt. Er ist auf Grund mei­nes Vor­stos­ses nun mit der Ver­fas­sung des 3. Fa­mi­li­en­be­rich­tes be­schäf­tigt. Diese Be­rich­te zei­gen die Spiel­räu­me auf. Der Bund hat auch im Wis­sen um die Fa­mi­li­en­ar­mut eine na­tio­na­le Stra­te­gie zur Ar­muts­be­kämp­fung lan­ciert. Das sind wert­vol­le Im­pul­se, die auch zei­gen, dass er die Chan­cen nutzt, um ei­ge­ne Ak­zen­te zu set­zen. Glei­ches gilt z.B. beim Thema Ju­gend und Me­di­en. Den­noch wis­sen wir, dass ein Bun­des­amt für Fa­mi­li­en­fra­gen mehr ma­chen würde und vor allem einen wich­ti­gen Bei­trag zur Wahr­neh­mung der Rolle der Fa­mi­li­en für un­se­re Ge­sell­schaft leis­ten würde.


Wel­che ge­sell­schaft­li­chen Kräf­te wer­den nach Ihnen die Fa­mi­li­en­po­li­tik in der Schweiz prä­gen? Es ste­hen ja gros­se Ver­än­de­run­gen an. Stich­wort „Ehe für alle“.

Man muss in die­ser Dis­kus­si­on die Paa­re­be­ne von der Ebene der Fa­mi­lie un­ter­schei­den. Das gilt nota bene auch für die Dis­kus­si­on um die Mo­der­ni­sie­rung des Fa­mi­li­en­rech­tes. Pro Fa­mi­lia hat diese Un­ter­schei­dung stets ge­macht und konn­te somit immer einen kla­ren Kurs ver­fol­gen. Wir ver­tre­ten die In­ter­es­sen jener Men­schen, die eine lang­fris­ti­ge und nach­hal­ti­ge Ver­ant­wor­tung für eine an­de­re Ge­ne­ra­ti­on über­neh­men. Diese Ver­ant­wor­tung wird in aller Regel von Fa­mi­li­en er­bracht, auch von gleich­ge­schlecht­lich ori­en­tier­ten Men­schen, die Kin­der haben. Diese Rea­li­tät dür­fen wir nicht igno­rie­ren, denn für uns steht grund­sätz­lich die Gleich­stel­lung aller Fa­mi­li­en im Vor­der­grund, los­ge­löst von ihrer Form. Wir ver­mei­den damit un­nö­ti­ge Dis­kus­sio­nen in­ner­halb des Dach­ver­ban­des, weil auch wir die Mei­nungs­plu­ra­li­tät re­spek­tie­ren. Für uns gilt: Fa­mi­li­en dür­fen nicht dis­kri­mi­niert wer­den, weder im Steu­er­recht, noch im So­zi­al­ver­si­che­rungs­recht oder im Erbrecht, um ei­ni­ge Bei­spie­le zu nen­nen. Denn sie neh­men alle die glei­chen Auf­ga­ben wahr: Er­zie­hungs-, Be­treu­ungs- und Be­gleit­auf­ga­ben, und das ist für uns zen­tral. Ob Kin­der nun bei ver­hei­ra­te­ten oder nicht ver­hei­ra­te­ten El­tern oder in einer Fort­set­zungs­fa­mi­lie auf­wach­sen, das Ge­setz darf sie nicht ge­gen­ein­an­der aus­spie­len bzw. die einen schlech­ter als die an­dern stel­len.

 

Sie möch­ten somit die Son­der­stel­lung der tra­di­tio­nel­len Ehe und Fa­mi­lie nicht auf­recht­er­hal­ten?

Diese von Ihnen an­ge­spro­che­ne Son­der­stel­lung der sog. tra­di­tio­nel­len Ehe und Fa­mi­le hat für diese Fa­mi­li­en be­kannt­lich nicht nur Vor­tei­le, ich er­in­ne­re ans Steu­er­recht oder ans So­zi­al­ver­si­che­rungs­recht. Wir möch­ten vor allem eines ver­hin­dern und das ist eine mit­tel- und lang­fris­ti­ge Schlech­ter­stel­lung von Ein­ver­die­ner­fa­mi­li­en. Sie spre­chen in die­sem Zu­sam­men­hang von „kon­ser­va­ti­ven Fa­mi­li­en“ – mit die­sem Be­griff ver­bin­de ich pri­mär eine Wer­te­hal­tung die so­wohl von Ein­ver­die­ner- als auch von Zwei­ver­die­ner­fa­mi­li­en ein­ge­nom­men wer­den kann. Wir plä­die­ren für die Wahl­frei­heit, jedes Paar soll für sich ent­schei­den kön­nen, wie es die in­ner- und aus­ser­häus­li­che Ar­beit auf­teilt. Die­ser Grund­satz hat wie ein Ja­nus­ge­sicht zwei Sei­ten: in einer li­be­ra­len Ge­sell­schaft re­spek­tie­re ich diese freie Wahl und über­las­se den Be­trof­fe­nen die Ver­ant­wor­tung für ihr Le­bens­mo­dell, das ist die eine Seite. Die an­de­re er­for­dert einen Aus­gleich der ge­leis­te­ten un­schätz­ba­ren und ge­sell­schaft­lich not­wen­di­gen Ar­beit und somit keine Schlech­ter­stel­lung auch nicht in spä­te­ren Le­bens­pha­sen. Kon­se­quent durch­dacht führt die­ser Grund­satz zur An­er­ken­nung der ge­leis­te­ten Fa­mi­li­en­ar­beit. Das Prin­zip der Wahl­frei­heit hat je­doch einen Preis. Man kann nicht von der Ge­sell­schaft er­war­ten, dass sie alle Kon­se­quen­zen mei­ner frei­en Wahl aus­gleicht, den­noch soll lang­fris­tig die Wahl ihr nicht zum Nach­teil ge­rei­chen. Keine Fa­mi­lie soll vom Ge­setz ge­nö­tigt wer­den, als Zwei­ver­die­ner­fa­mi­lie zu leben, auch nicht mit zum Bei­spiel mit zwei Mal 60 Pro­zent. 

 

Sie set­zen sich für die Be­sei­ti­gung der Hei­rats­stra­fe bei den Steu­ern ein, müss­te nicht auch die Hei­rats­stra­fe bei der AHV be­sei­tigt wer­den?

Das sind zwei un­ter­schied­li­che The­men. Die CVP ver­lang­te mit ihrer In­itia­ti­ve die steu­er­li­che Gleich­stel­lung von ver­hei­ra­te­ten und un­ver­hei­ra­te­ten Paa­ren. Diese ist in den meis­ten Kan­to­nen be­reits rea­li­siert, nicht aber bei der di­rek­ten Bun­des­steu­er. Hier muss aber der Ver­fas­sungs­auf­trag von 1984 end­lich um­ge­setzt wer­den. Gleich­zei­tig wird in der In­itia­ti­ve eine Gleich­stel­lung im So­zi­al­ver­si­che­rungs­be­reich ver­langt. Diese hat aber eine Krux, denn ei­gent­lich sind hier die ver­hei­ra­te­ten Paare bes­ser ge­stellt als die Kon­ku­bi­nats­paa­re. Das leuch­tet auf den ers­ten Blick nicht ein, wenn ich nur die Ren­ten­re­ge­lung an­schaue. Die Be­nach­tei­li­gung bei der AHV-Ren­te ist auf den ers­ten Blick stö­rend. Man ver­gisst aber leicht, dass Ehe­paa­re im Ge­gen­satz zu den Kon­ku­bi­nats­paa­ren eine Wit­wen bzw. Wit­wer­ren­te er­hal­ten. Wenn der 40-jäh­ri­ge Part­ner eines Kon­ku­bi­nats­paars stirbt, hat der an­de­re Part­ner kei­nen Ren­ten­schutz. Die Gleich­stel­lung muss wäh­rend der gan­zen Le­bens­pha­se be­trach­tet wer­den. Es kann auch nicht an­ge­hen, die be­ste­hen­de Rente für Ver­wit­we­te ab­zu­schaf­fen, wie es Bun­des­rat Ber­set in die Dis­kus­si­on brach­te. Die­ser Vor­schlag wäre auch nicht mehr­heits­fä­hig. Man muss genau hin­se­hen, wo man Gleich­stel­lung ein­for­dert. Wenn man eine Gleich­stel­lung haben möch­te, dann wäre die lo­gi­sche Kon­se­quenz ent­we­der die Ab­schaf­fung der Wit­wen­ren­te oder deren Ein­füh­rung auch für Kon­ku­bi­nats­paa­re. Sie kön­nen nicht nur einen Teil­as­pekt be­trach­ten, sie sind ge­zwun­gen, das Ganze an­zu­schau­en. 

 

Ein Pro­blem haben aber Men­schen im Pen­si­ons­al­ter, wenn sie wie­der hei­ra­ten.

Ja, sie haben dann be­stimm­te Pri­vi­le­gi­en nicht mehr, die sie zuvor hat­ten. Aber sie er­hal­ten beim Tod des Part­ners eine Wit­wen­ren­te aus der AHV und der drit­ten Säule. Al­ler­dings erst nach einer be­stimm­ten Frist. 

 

Die CVP hat ihre Volks­in­itia­ti­ve für die Ab­schaf­fung der Ehe­s­tra­fe auch mit einem Be­kennt­nis zur tra­di­tio­nel­len Ehe ver­bun­den. Könn­te die­ser Pas­sus die In­itia­ti­ve in der Ab­stim­mung ge­fähr­den?

Das wurde von be­stimm­ten Krei­sen zwar kri­ti­siert, aber es han­delt sich um die heute all­ge­mein an­er­kann­te For­mu­lie­rung in der Eu­ro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on, im Eu­ro­pa­rat und in un­se­rer Ge­setz­ge­bung. Das Thema wurde em­por­sti­li­siert. Das Volk wird dar­über ent­schei­den. Wir wer­den dann sehen, ob es wirk­lich ein Stol­per­stein ist. 

 

Sie haben dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die vor­ge­schla­ge­nen Re­for­men Kon­se­quen­zen be­inhal­ten, die noch nicht be­dacht wor­den sind. Kön­nen Sie das etwas aus­füh­ren?

Es gibt hier zwei Ebe­nen: die Paa­re­be­ne und die Fa­mi­li­en­ebe­ne. Die Mo­der­ni­sie­rung des Fa­mi­li­en­rechts, die vom Bun­des­amt für Jus­tiz an­ge­stos­sen wor­den ist, muss sehr be­hut­sam be­dacht und auch auf ihre Fol­gen ana­ly­siert wer­den, zum Bei­spiel für das Erb­schafts­recht und die So­zi­al­ver­si­che­run­gen. Ich habe sie in einem Vor­trag an der Uni­ver­si­tät Fri­bourg aus­führ­lich dar­ge­legt. 

 

Eine Re­vi­si­on des Fa­mi­li­en­rechts, wie sie auch der Bun­des­rat vor­schlägt, ver­än­dert vie­les. Ent­spricht sie wirk­lich einem brei­ten Be­dürf­nis, oder geht es mehr um die ge­sell­schaft­li­che An­er­ken­nung von bis­he­ri­gen Rand­grup­pen?

Die Re­vi­si­on des Fa­mi­li­en­rech­tes be­inhal­tet ganz un­ter­schied­li­che The­men, von der „Ehe für alle“ bis hin zur Re­form des Erb­rech­tes. Ein­zel­ne Punk­te wer­den mit Si­cher­heit im Par­la­ment auf­ge­grif­fen, so die Re­vi­si­on des Erb­rech­tes und auch ziel­füh­rend ak­tua­li­siert, an­de­re The­men wie die An­er­ken­nung des In­sti­tuts Ehe für gleich­ge­schlecht­li­che Paare könn­ten einen schwe­re­ren Stand haben, da be­reits das Part­ner­schafts­ge­setz einen hohen Bei­trag zu Ab­schaf­fung der Dis­kri­mi­nie­run­gen leis­tet. 

 

Ein an­de­res Thema: Sie haben sich in den letz­ten Jah­ren stark für die Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­lie und Beruf ein­ge­setzt. Wie be­ur­tei­len Sie den Er­folg Ihrer Be­mü­hun­gen?

Die erste Kam­pa­gne haben wir 1994 ge­star­tet. Im Jahr 2000 mach­ten wir eine gros­se Um­fra­ge bei 4000 Un­ter­neh­men. Auf­grund der Er­geb­nis­se ent­wi­ckel­te der Ar­beit­ge­ber­ver­band Leit­sät­ze für Un­ter­neh­men, und wir er­ar­bei­te­ten einen Leit­fa­den für Ar­beit­neh­mer. Wenn ich 20 Jahre zu­rück­bli­cke, kann ich fest­stel­len, dass das Thema mitt­ler­wei­le in der Öf­fent­lich­keit an­ge­kom­men ist. Alle reden von Ver­ein­bar­keit. Viele spran­gen auf das Thema auf, es hat eine Brei­ten­wir­kung er­langt. Wir haben et­li­ches an­ge­stos­sen, und das ist ein Ver­dienst von Pro Fa­mi­lia. Wir haben ja auch Ende der 80er Jahre eine Kin­der­kos­ten­ana­ly­se an­ge­regt, die vom da­ma­li­gen Öko­no­mie­pro­fes­sor und spä­te­ren Bun­des­rat Jo­seph Deiss er­stellt wurde. 1992 ging ich erst­mals mit der For­de­rung „Ein Kind – eine Zu­la­ge“ vor die Me­di­en. Es brauch­te dann fast 20 Jahre, bis sie auch im Par­la­ment durch­kam. Aber wir waren die Agen­da­set­ter. Das glei­che gilt bei der Ver­ein­bar­keit. Hier tut sich ei­ni­ges, aber immer noch zu wenig. Daher haben wir den Fa­mi­ly Score Award lan­ciert und or­ga­ni­sie­ren die­ses Jahr am 25. No­vem­ber den zwei­ten na­tio­na­len Ver­ein­bar­keits­gip­fel. Den ers­ten haben wir 2014 mit Bun­des­rat Jo­hann Schnei­der-Am­mann und dem Prä­si­den­ten des Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des, Va­len­tin Vogt, durch­ge­führt.

 

Es scheint aber vie­ler­orts noch zu har­zen, zum Bei­spiel wenn auch Ge­mein­den Be­treu­ungs­an­ge­bo­te an­bie­ten sol­len.

Im Ver­gleich zum Aus­land haben wir vie­les auf­zu­ho­len. Aber es hat sich auch vie­les getan, zum Bei­spiel mit dem Im­puls­pro­gramm des Bun­des, das von un­se­rer da­ma­li­gen Pro Fa­mi­lia Vi­ze-Prä­si­den­tin Jac­que­line Fehr lan­ciert wurde. Rund 50'000 Plät­ze wur­den neu ge­schaf­fen, aber es gibt noch viel zu tun. Nun schlägt der Bun­des­rat vor, mit einer fi­nan­zi­el­len Un­ter­stüt­zung von 100 Mio CHF die Be­las­tung der El­tern zu sen­ken. Die­ses Geld soll­te zu einer Sen­kung der Ta­ri­fe füh­ren. Damit gehen wir in die rich­ti­ge Rich­tung, denn es gilt der Grund­satz „Er­werbs­ar­beit soll sich loh­nen!“. Es darf nicht sein, dass die hohen Be­treu­ungs­kos­ten dazu füh­ren, dass am Ende des Mo­na­tes kaum mehr Geld der Fa­mi­lie zur Ver­fü­gung steht, als wenn sie gänz­lich auf eine Er­werbs­ar­beit ver­zich­tet hätte. 

 

Das hilft aber El­tern nicht, die ein tra­di­tio­nel­les Fa­mi­li­en­mo­dell leben und die Er­zie­hungs­ar­beit selbst über­neh­men.

Ich kenne viele El­tern, die ein tra­di­tio­nel­les Fa­mi­li­en­ver­ständ­nis haben und wo doch beide er­werbs­tä­tig sind. Fa­mi­li­en, die auf eine zwei­te Er­werbs­ar­beit be­wusst ver­zich­ten, um sich ex­klu­siv der Er­zie­hungs- und Be­treu­ung ihrer Kin­der und viel­leicht noch ei­ge­ner El­tern an­zu­neh­men, er­fah­ren in aller Regel eine an­de­re Art von Un­ter­stüt­zung. Ich nenne hier nur we­ni­ge Be­rei­che: die Prä­mi­en­ver­bil­li­gun­gen, die einer Mehr­heit von Ein­ver­die­ner-Fa­mi­li­en zu­gu­te­kommt, die tie­fe­ren Steu­er­sät­ze und der Ein­ver­die­ner-Ab­zug, die Pri­vi­le­gie­rung in der AHV, da die nicht er­werbs­tä­ti­ge Per­son keine mo­ne­tä­ren Leis­tun­gen er­brin­gen muss, den­noch aber im Ren­ten­al­ter eine Rente be­kommt, usw. Diese Mass­nah­men und wei­te­re sind Aus­druck einer An­er­ken­nung der er­brach­ten Leis­tun­gen der Fa­mi­li­en. Selbst­ver­ständ­lich kön­nen wir ver­lan­gen, dass Fa­mi­li­en eine noch hö­he­re Wert­schät­zung ent­ge­gen­bracht wird…! Die un­schätz­ba­ren Leis­tun­gen von Fa­mi­li­en und deren An­er­ken­nung blei­ben ein wich­ti­ges und zen­tra­les Thema von Pro Fa­mi­lia Schweiz.

 

Wel­che Er­fol­ge wün­schen sie den Fa­mi­li­en­po­li­ti­ker/innen im Par­la­ment in den kom­men­den Jah­ren?

Ich wün­sche mir ein Par­la­ment, das sich be­wusst ist, dass es sich mit Fa­mi­li­en­po­li­tik auch mit der Zu­kunft aus­ein­an­der­setzt. Ei­ni­ge The­men drän­gen sich auf: so das Thema der Fa­mi­li­en­zeit, des El­tern­ur­laubs und somit der Ver­ein­bar­keit, das Thema der fi­nan­zi­el­len Si­cher­heit der Fa­mi­lie und der Be­kämp­fung der Fa­mi­li­en­ar­mut, oder das Thema der bes­se­ren Ab­si­che­rung im So­zi­al­ver­si­che­rungs­recht von Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen. Ich mach­te eine Ana­ly­se der Wahl­platt­for­men, bei der ich fest­stel­len muss­te, dass die Be­reit­schaft, in der Fa­mi­li­en­po­li­tik etwas zu be­we­gen, we­sent­lich ge­rin­ger ist als vor vier oder acht Jah­ren. Mei­nen Nach­fol­gern und Nach­fol­ge­rin­nen wün­sche ich viel Punch und Power, diese The­men auf die Trak­tan­den­lis­te zu brin­gen. 

 

Wer­den Sie sich nun ganz aus der Fa­mi­li­en­po­li­tik zu­rück­zie­hen? Wer­den Sie an­de­re En­ga­ge­ments wahr­neh­men?

Ich habe frü­her im Be­reich Ethik und Wirt­schaft ge­forscht. Ich werde ein Gre­mi­um prä­si­die­ren, das sich mit dem Ver­hält­nis von Wirt­schaft und Ge­sell­schaft aus­ein­an­der­setzt. Dazu kom­men ei­ni­ge wei­te­re Man­da­te in der Pri­vat­wirt­schaft. Fa­mi­li­en­po­li­tik wird mich noch am Rande be­glei­ten. Ge­sell­schafts­po­li­ti­sche und wis­sen­schaft­li­che Ana­ly­sen wer­den wei­ter­hin eine wich­ti­ge Be­deu­tung in mei­nen Ak­ti­vi­tä­ten ein­neh­men. Aber zu­erst möch­te ich jetzt erst ein­mal an­kom­men. Ich hatte in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren für Vie­les zu wenig Zeit.

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