„Bevor der Stress uns scheidet“ – Ein Ratgeber für Paare

30.11.2015

Die Advents- und Weihnachtszeit ist eine riskante Zeit für Paare. Aber auch viele weitere Ursachen können für ein Paar zu Stress führen und die Beziehung scheitern lassen. Das neue Buch «Bevor der Stress euch scheidet» des Zürcher Paartherapeuten und Psychologen Guy Bodenmann zeigt, wie Paare auch in stressreichen Zeiten ihre Liebe bewahren und gar vertiefen können. Der folgende Text beruht auf Texten aus diesem Buch(1).

 

Die Wis­sen­schaft weiss bis heute nicht, warum Liebe ent­stan­den ist, es gibt aber Hin­wei­se, wor­un­ter sie lei­det und wie man sie pfle­gen kann.

 

Ver­lo­re­ne Würze und ver­än­der­ter Blick 

Neues ist zu­nächst immer auf­re­gend und fas­zi­nie­rend, Be­kann­tes da­ge­gen kommt uns manch­mal lang­wei­lig vor. Wir haben ein Be­dürf­nis nach Neuem und Ab­wechs­lung, und wenn man etwas häu­fig hat oder tut, ver­liert es mit der Zeit sei­nen Reiz. Dies geht uns mit allem so: mit Orten, Ge­gen­stän­den, aber eben auch mit dem Part­ner/der Part­ne­rin. Dabei spielt es keine Rolle wie at­trak­tiv, in­tel­li­gent und fas­zi­nie­rend wir den Part­ner zu Be­ginn fan­den, er ist den­noch die­sem Me­cha­nis­mus un­ter­wor­fen. Denn Ge­wöh­nung ver­än­dert un­se­ren Blick: Zu Be­ginn fin­den wir fast alles toll an un­se­rem Part­ner/un­se­rer Part­ne­rin und schwel­gen im Rausch der Hor­mo­ne. Doch lei­der ver­liert sich diese Fas­zi­na­ti­on schnell, und man be­ginnt ehe­mals po­si­tiv Be­wer­te­tes neu­tral oder sogar ne­ga­tiv zu sehen. Viele Ei­gen­schaf­ten fan­gen an zu stö­ren und wer­den kri­tisch wahr­ge­nom­men. Man be­ginnt sich nach einem neuen Kick zu seh­nen.

Un­rea­lis­ti­sche Er­war­tun­gen und Weg­werf­men­ta­li­tät

 

Ein wei­te­res Pro­blem vie­ler Part­ner­schaf­ten sind un­rea­lis­ti­sche und über­höh­te Er­war­tun­gen. Für viele soll der Part­ner/die Part­ne­rin zu­vor­kom­mend, in­ter­es­siert und un­ter­stüt­zend sein, gleich­zei­tig aber auch Frei­räu­me las­sen und die per­sön­li­che Ent­wick­lung för­dern. Die Liste der An­sprü­che ist lang und dies löst Druck aus. Dabei wird das Pro­blem oft nicht er­kannt, und man ist ent­täuscht vom Part­ner/von der Part­ne­rin. 

 

Be­son­ders pro­ble­ma­ti­sche Er­war­tun­gen sind bei­spiels­wei­se, dass der Part­ner/die Part­ne­rin ja wis­sen müsse, wie es einem geht (ohne dass man es mit­teilt), wenn er/sie einen wirk­lich lie­ben würde. Dies ist eine nicht zu er­fül­len­de Er­war­tung und macht lang­fris­tig beide Part­ner un­glück­lich. 

 

Hinzu kommt, dass wir in un­se­rer Ge­sell­schaft dazu ten­die­ren, Dinge nicht zu re­pa­rie­ren, son­dern weg­zu­wer­fen. Diese Ten­denz greift oft auf die Part­ner­schaft über. Denn es ist manch­mal ein­fa­cher, sich zu tren­nen und einen neuen Part­ner/eine neue Part­ne­rin zu su­chen, an­statt für die Part­ner­schaft zu kämp­fen.

 

Aus­wir­kun­gen von Stress auf die Part­ner­schaft

Ge­ra­de unter Stress wird man ver­mut­lich den Weg wäh­len, der zu­nächst ein­fa­cher er­scheint. Al­ler­dings ist auch die neue Part­ner­schaft nach dem auf­re­gen­den An­fang den­sel­ben Ge­set­zen un­ter­wor­fen und das Pro­blem ist lang­fris­tig nicht ge­löst. 

 

Stress ver­stärkt aber nicht nur die «Weg­werf­men­ta­li­tät», son­dern schränkt grund­sätz­lich die Res­sour­cen zur Part­ner­schafts­pfle­ge ein, die man zur Ver­fü­gung hat. Wäh­rend man sich dar­auf kon­zen­triert, den Stress zu be­wäl­ti­gen, wird die Part­ner­schaft hin­ten an­ge­stellt.

Wenn der Stress von aus­sen kommt

 

Stres­so­ren, die von aus­sen kom­men und erst ein­mal nichts mit der Part­ner­schaft zu tun haben, kön­nen für die Be­zie­hung ge­fähr­lich wer­den: Stress am Ar­beits­platz, täg­li­che Wid­rig­kei­ten, wie den Bus zu ver­pas­sen, Kon­flik­te zum Bei­spiel mit den Nach­barn oder eine Kom­bi­na­ti­on aus ver­schie­de­nen An­for­de­run­gen. Oft reden wir uns ein, dass Be­las­tun­gen nur vor­über­ge­hen­de Pha­sen sind und ver­lie­ren dabei den Part­ner aus dem Blick. Wir neh­men uns wenig Zeit für den An­de­ren, sind schnell ge­reizt und über­se­hen wich­ti­ge Si­gna­le des Part­ners. Wenn die­ser dann eben­falls är­ger­lich und ab­wei­send re­agiert, läuft das Ganze Ge­fahr, zu es­ka­lie­ren. 

 

Stress bleibt lange un­be­merkt und greift so die Be­zie­hung un­be­wusst und über einen län­ge­ren Zeit­raum an. Räumt man der Be­zie­hung zu wenig Wich­tig­keit ein zu­guns­ten von All­tags­an­for­de­run­gen, be­ginnt man, ne­ben­ein­an­der her zu leben. 

 

Stress ist ein Be­zie­hungs- und Lust­kil­ler

Stress ist somit ein Be­zie­hungs­kil­ler und be­ein­träch­tigt auch mass­geb­lich die Se­xua­li­tät: Frau­en haben unter Stress meis­tens we­ni­ger Lust auf Se­xua­li­tät, da sie zu sehr mit der stres­si­gen Si­tua­ti­on be­schäf­tigt sind, Män­ner hin­ge­gen nut­zen die Se­xua­li­tät als Ven­til, um ihren Stress ab­zu­bau­en und sich zu ent­span­nen.

 

Po­si­ti­ve Sicht auf den Part­ner 

Um der Ge­wöh­nung an den Part­ner ent­ge­gen­zu­wir­ken, wäre es wich­tig, sich immer wie­der um eine po­si­ti­ve Sicht auf den Part­ner zu be­mü­hen. Was nimmt man als zu selbst­ver­ständ­lich hin, was ei­gent­lich sehr schön ist?

 

Wei­ter­hin soll­te die Part­ner­schaft ge­nau­so wich­tig ge­nom­men wer­den wie an­de­re Be­rei­che des Le­bens. Dies be­deu­tet auch, die Part­ner­schaft aktiv zu pfle­gen. Jeder Part­ner soll­te sich um schö­ne ge­mein­sa­me Er­leb­nis­se be­mü­hen und dabei auch mög­lichst krea­tiv sein. Einem Part­ner al­lein gehen dabei schnell die Ideen und die En­er­gie aus.

 

Die Part­ner­schaft ist für die meis­ten Men­schen eine wich­ti­ge Res­sour­ce, und auch Stress kann mit­hil­fe des Part­ners be­wäl­tigt wer­den. Der erste Schritt bei Stress ist zwar, das Be­las­ten­de selbst­stän­dig zu be­wäl­ti­gen; aber han­delt es sich um ein Thema, das einen stär­ker be­las­tet, kann der Part­ner/die Part­ne­rin einen bei der Be­wäl­ti­gung un­ter­stüt­zen. 

 

Die Rolle der Selb­st­öff­nung

Be­rich­tet man stress­rei­che Er­eig­nis­se, ist es wich­tig, sich selbst zu öff­nen, d.h. auch über Ge­füh­le und die (ent­täusch­ten) Be­dürf­nis­se zu spre­chen, die hin­ter den Er­eig­nis­sen ste­hen. Da­durch kann der/die an­de­re bes­ser nach­voll­zie­hen, wes­halb der Vor­fall so be­las­tend war, und er/sie kann bes­ser dar­auf ein­ge­hen und die Un­ter­stüt­zung an­bie­ten, die man wirk­lich braucht. 

Stress­ab­bau als Ein­zel­per­son und als Paar ist auch Teil der Pfle­ge der Se­xua­li­tät: Denn Zeit und Musse zu haben und ent­span­nen zu kön­nen sind für die meis­ten Men­schen güns­ti­ge Rah­men­be­din­gun­gen, um sich fal­len­las­sen und Sex ge­nies­sen zu kön­nen. Durch ge­gen­sei­ti­ge Un­ter­stüt­zung und per­sön­li­che Ge­sprä­che wer­den Nähe und emo­tio­na­le In­ti­mi­tät ge­för­dert, die in der Regel eben­falls wich­ti­ge Vor­aus­set­zun­gen für Se­xua­li­tät sind.

 

1 Buch­hin­weis
Der oben ste­hen­de Text be­ruht auf dem Buch „Bevor der Stress uns schei­det“ vonProf. Dr. Guy Bo­den­mann (2015).


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