Paare teilen ihre Rollen traditioneller auf als zuvor gewünscht

17.03.2016

Trotz breit abgestützter Forderungen nach Gleichberechtigung, aus der auch ein egalitäres Verhalten bei Familien- und Erziehungsaufgaben abgeleitet wird, unterscheiden sich die Engagements von Frauen und Männern in Beruf und Familie weiterhin stark. Dabei gibt es unterschiedliche Verläufe. Wie diese aussehen und worauf sie zurückzuführen sind, hat der Lausanner Soziologe René Lewy untersucht. Die Studie ist von der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften publiziert worden.

 

(SSF/im./SAGW) Bei den Män­nern stellt Levy zwei Haupt­ty­pen fest. 72 Pro­zent der Män­ner be­fol­gen einen tra­di­tio­nel­len Ver­lauf mit Aus­bil­dung, Voll­zeit­be­schäf­ti­gung und Pen­si­on. 28 Pro­zent sind wäh­rend ihrer Be­rufs­ar­beit zu einem gros­sen Teil nicht voll be­rufs­tä­tig und gehen re­la­tiv früh in Pen­si­on. Fa­mi­li­en­män­ner blei­ben sel­ten und aty­pisch, so Levy. 

 

Bei den Frau­en setzt ein Drit­tel ihre Zeit zum gros­sen Teil im Beruf ein, ver­bin­det diese aber auch mit Fa­mi­li­en­ar­beit. Ein wei­te­res Vier­tel wech­selt von an­fäng­li­cher Voll­zeit­er­werbs­tä­tig­keit in Teil­zeit, so­bald das erste Kind ge­bo­ren ist. 30 Pro­zent der Frau­en ar­bei­ten zu­erst Voll­zeit, un­ter­bre­chen dann die Ar­beit nach der Ge­burt des ers­ten Kin­des und stei­gen spä­ter wie­der teil­zeit­lich in den Beruf ein. Nur ein re­la­tiv klei­ner Teil von 13 Pro­zent wid­met sich nach an­fäng­li­cher Be­rufs­tä­tig­keit spä­ter ganz der Fa­mi­li­en­ar­beit und nimmt keine Be­rufs­ar­beit mehr auf. 

 

Die Stu­die spricht nun von einer „Re­tra­di­tio­na­li­sie­rung im Fa­mi­li­en­ver­lauf“. Ob­wohl viele Paare von einer ega­li­tä­ren Rol­len­ver­tei­lung über­zeugt sind und diese auch aus­üben wol­len, wer­den sie ihrer Über­zeu­gung nach der Ge­burt des ers­ten Kin­des un­treu. Im Ver­lauf der Zeit  ver­än­dern sie nicht nur die Pra­xis, son­dern auch die da­hin­ter ste­hen­de Über­zeu­gung. Levy stellt diese Ver­än­de­rung schon nach einem Jahr nach der Ge­burt des ers­ten Kin­des fest. Die Part­ner kom­men also zum Schluss, dass eine ega­li­tä­re Rol­len­ver­tei­lung, so­bald Kin­der da sind, gar nicht mach­bar – und auch nicht er­wünscht – sei. 

 

Der So­zio­lo­ge woll­te nun wis­sen, auf wel­che Fak­to­ren dies zu­rück­zu­füh­ren ist. Er stell­te dabei fest, dass in li­be­ra­len So­zi­al­staa­ten, zu denen er auch die Schweiz zählt, die Ver­schie­bung stär­ker fest­stell­bar ist als in „so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Re­gi­men“, bei­spiels­wei­se den skan­di­na­vi­schen Län­dern. Wäh­rend in li­be­ra­len So­zi­al­staa­ten die Ver­än­de­rung dau­er­haft bleibt, kommt sie in so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Ord­nun­gen we­ni­ger vor und bil­det sich nach der Fa­mi­li­en­zeit wie­der zu­rück. Der Un­ter­schied zwi­schen den bei­den Typen von So­zi­al­staa­ten liegt darin, dass in letz­te­ren der Zu­gang zu Ein­rich­tun­gen aus­ser­fa­mi­liä­rer Kin­der­be­treu­ung viel ein­fa­cher ist. 

Levy er­kennt aber auch kul­tu­rel­le Wi­der­stän­de. In li­be­ra­len So­zi­al­staa­ten ist zwar das Be­kennt­nis zu ega­li­tä­ren Rol­len und Rech­ten der Ge­schlech­ter of­fi­zi­ell im Sinne po­li­ti­scher Kor­rekt­heit vor­han­den, doch ortet er unter einer „kul­tu­rel­len Hoch­ne­bel­schicht der po­li­ti­schen Kor­rekt­heit“ im Sinne einer „be­din­gungs­lo­sen Ak­zep­tanz der Ge­schlech­ter­gleich­heit“ auch einen emo­tio­na­len Teil, der auf der tra­di­tio­nel­len Ge­schlech­ter­ord­nung be­harrt. Die­ser lasse sich aber wis­sen­schaft­lich schwer er­fas­sen. Der So­zio­lo­ge stellt auch fest, dass sich die­ses Be­har­ren auch in den Be­rufs­fel­dern fest­stel­len lässt, die sich nach wie vor in eher ty­pi­sche Frau­en- oder Män­ner­be­ru­fe ein­tei­len las­sen. Also Frau­en eher in den so­zia­len Be­ru­fen und Män­ner in den tech­ni­schen und In­ge­nieur­be­ru­fen. Daran habe sich in den letz­ten 25 Jahr kaum etwas ver­än­dert. 

 

Auf­grund des Län­der­ver­gleichs mit un­ter­schied­li­chen Struk­tu­ren der aus­ser­fa­mi­liä­ren Kin­der­be­treu­ung kommt Levy zum Schluss, dass Ver­än­de­run­gen der Rol­len­auf­tei­lung eher durch die vor­han­de­nen Ein­rich­tun­gen und In­sti­tu­tio­nen be­ein­flusst wer­den als durch die in­di­vi­du­el­len Wün­sche (Prä­fe­ren­zen) der Paare. Po­li­tisch be­wirk­te in­sti­tu­tio­nel­le Ver­än­de­run­gen wirk­ten sich auch dau­er­haft auf die Men­ta­li­tä­ten von Frau­en und Män­nern im Blick auf ihre Rol­len aus. Levy weist dabei dar­auf hin, dass die heu­ti­ge Rol­len­auf­tei­lung auch star­ke Aus­wir­kung auf die fi­nan­zi­el­le Ab­si­che­rung im Alter hat, weil diese stark auf der Er­werbs­tä­tig­keit fusst. So be­zie­hen zum Bei­spiel 81,7 Pro­zent der Män­ner eine BVG-Ren­te, aber nur 56,8 Pro­zent der Frau­en.

Quel­le: René Levy: „Wie sich Paare beim El­tern­wer­den re­tra­di­tio­na­li­sie­ren, und das gegen ihre ei­ge­nen Idea­le“. Hg. Schwei­ze­ri­sche Aka­de­mie der So­zi­al­wis­sen­schaf­ten. Bern 2016

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