Eine starke Stimme für die Familie

08.04.2016

Das lange erwartete Schreiben von Papst Franziskus unter dem Titel Amoris Laetitia (die Freude der Liebe) ist erschienen und dürfte für Diskussionsstoff sorgen. Herausfordernd ist insbesondere das zweite Kapitel (von insgesamt neun). Es nimmt die heutigen Menschen, die Kirche, Gesellschaft und Politik in die Pflicht.

 

(SSF/im.) Das Schrei­ben rich­tet sich aus­drück­lich nicht nur an das kirch­li­che Per­so­nal, son­dern auch an die (christ­li­chen) Ehe­leu­te und an die gläu­bi­gen Men­schen ganz all­ge­mein. Und ganz be­son­ders auch an die (Fa­mi­li­en-)Po­li­ti­ke­rin­nen und -Po­li­ti­ker. Sie wer­den ganz be­son­ders vom Ka­pi­tel 2 (Die Wirk­lich­keit und die Her­aus­for­de­run­gen der Fa­mi­lie an­ge­spro­chen. Ins­ge­samt sorgt das Pa­pier für al­ler­hand Über­ra­schun­gen, auch wenn es ge­ra­de auf die in Eu­ro­pa hoch­ge­hal­te­nen Fra­gen wie Ehe für gleich­ge­schlecht­li­che Paare kei­nen Frei­pass gibt. Es spricht den­noch heis­se Eisen an.

 

Keine Idea­li­sie­rung der Fa­mi­lie 

Auf die vie­ler­orts ge­äus­ser­te Be­fürch­tung, der Papst könn­te die Fa­mi­lie in Bibel und Ge­gen­wart idea­li­sie­ren, gibt es eine klare Ab­sa­ge. Gleich zu An­fang des ers­ten Ka­pi­tels heisst es: „Die Bibel ist be­völ­kert mit Fa­mi­li­en, mit Ge­ne­ra­tio­nen, sie ist vol­ler Ge­schich­ten der Liebe wie auch der Fa­mi­li­en­kri­sen, und das von der ers­ten Seite an ...“. Die Fa­mi­lie glei­che dem Gleich­nis vom Haus, das ent­we­der auf dem Fel­sen oder auf Sand ge­baut sei. An­de­rer­seits ver­gleicht er die Fa­mi­lie mit einer Haus­kir­che, mit einem Ort der Ka­te­che­se für die Kin­der. Fa­mi­li­en könn­ten aber auch ein Ort des Schmer­zes, des Bösen und der Ge­walt sein, die sie aus­ein­an­der bre­chen las­sen. Auch das werde schon in der Bibel be­schrie­ben. 

 

Den­noch: „Das Wohl der Fa­mi­lie ist ent­schei­dend für die Zu­kunft der Welt und der Kir­che.“ Das ist die feste Über­zeu­gung von Fran­zis­kus, und er ent­fal­tet diese Sicht im zwei­ten Ka­pi­tel. Er wirft einen scho­nungs­lo­sen Blick auf den Zu­stand von Fa­mi­li­en welt­weit. Und er ist sich be­wusst: „Weder die Ge­sell­schaft, in der wir leben, noch jene, auf die wir zu­ge­hen, er­lau­ben ein wahl­lo­ses Wei­ter­be­ste­hen von For­men und Mo­del­len der Ver­gan­gen­heit.“

 

In­di­vi­dua­lis­mus löst ge­fähr­li­che Dy­na­mi­ken aus

Als eine be­son­de­re Ge­fahr für die tra­di­tio­nel­le Fa­mi­lie sieht er den „aus­ufern­den In­di­vi­dua­lis­mus ..., der die fa­mi­liä­ren Bin­dun­gen ent­stellt und dazu führt, jedes Mit­glied der Fa­mi­lie als eine Insel zu be­trach­ten.“ Die da­durch ent­ste­hen­den Span­nun­gen und Dy­na­mi­ken führ­ten zu Ab­nei­gung und Ag­gres­si­vi­tät. Der heu­ti­ge Le­bens­rhyth­mus, der Stress, die Ge­sell­schafts­struk­tur und Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on er­schwer­ten zudem die Ent­schei­dung für ein dau­er­haf­tes Zu­sam­men­le­ben. 

 

Dies führt zu einer ver­stärk­ten Ten­denz al­lein zu woh­nen und die Her­kunfts­fa­mi­lie noch als Er­gän­zung, nicht aber als per­sön­lich zen­tra­ler Le­bens­ort zu sehen. Diese könne dann „zu einem zeit­wei­li­gen Auf­ent­halts­ort wer­den, zu dem man kommt, wenn es einem für sich selbst nütz­lich er­scheint, oder wohin man sich be­gibt, um Rech­te ein­zu­for­dern, wäh­rend die Bin­dun­gen der flüch­ti­gen Un­be­stän­dig­keit der Wün­sche und der Um­stän­de über­las­sen blei­ben.“ Viele Men­schen be­fin­den sich laut Fran­zis­kus in einem Zwie­spalt: „Man fürch­tet die Ein­sam­keit, man wünscht sich einen Raum des Schut­zes und der Treue, doch zu­gleich wächst die Furcht, ge­fan­gen zu sein durch eine Be­zie­hung, die das Er­rei­chen der per­sön­li­chen Be­stre­bun­gen zu­rück­stel­len könn­te.“

 

Für die Ehe ar­gu­men­tie­ren

Der Papst for­dert daher die Chris­ten auf, den­noch für die Ehe zu ar­gu­men­tie­ren, auch wenn man damit in die Min­der­heit ge­ra­ten könne. „ Wir wür­den der Welt Werte vor­ent­hal­ten, die wir bei­steu­ern kön­nen und müs­sen“, so Fran­zis­kus. Er legt ihnen zwar nahe, „mit der Macht der Au­to­ri­tät Re­geln durch­set­zen zu wol­len“ und er­mu­tigt statt­des­sen, die Grün­de und die Mo­ti­va­tio­nen auf­zu­zei­gen, die für die Ehe und die Fa­mi­lie spre­chen. Die Art und Weise, wie in der Ver­gan­gen­heit christ­li­che Über­zeu­gun­gen ver­mit­telt wur­den, habe auch zum heu­ti­gen Zu­stand ge­führt, den man jetzt be­kla­ge. Ins­be­son­de­re, wenn der Wert der Fort­pflan­zung über­be­wer­tet oder die Ehe idea­li­siert wor­den sei. Statt­des­sen gelte es, die hei­rats­wil­li­gen Men­schen auf die Ehe vor­zu­be­rei­ten und sie darin zu be­glei­ten und zu un­ter­stüt­zen. 

 

Eine Kul­tur des Pro­vi­so­ri­schen

Den kirch­li­chen Pro­fis macht er den Vor­wurf: „Wir ver­brau­chen die pas­to­ra­len En­er­gi­en, indem wir den An­griff auf die ver­fal­len­de Welt ver­dop­peln und wenig vor­sor­gen­de Fä­hig­keit be­wei­sen, um Wege des Glücks auf­zu­zei­gen.“ Fran­zis­kus spricht dann die „Kul­tur des Pro­vi­so­ri­schen“ an. Zum Bei­spiel die Ge­schwin­dig­keit, mit der heute Be­zie­hun­gen ge­wech­selt wer­den: „Sie mei­nen, dass man die Liebe wie in den so­zia­len Net­zen nach Be­lie­ben des Kon­su­men­ten ein- und aus­schal­ten und sogar schnell blo­ckie­ren kann.“ Doch die­ses Ver­hal­ten führe zu un­er­wünsch­ten Rück­wir­kun­gen und per­sön­li­chen Tra­gö­di­en: „Wer die an­de­ren be­nutzt, wird frü­her oder spä­ter mit der glei­chen Logik schliess­lich sel­ber be­nutzt, ma­ni­pu­liert und ver­las­sen wer­den.“ 

 

Fran­zis­kus spricht dann auch die wirt­schaft­li­chen Be­din­gun­gen an, wenn er schreibt: „Auf die Ge­fahr hin, allzu sehr zu ver­ein­fa­chen, könn­ten wir sagen, dass wir in einer Kul­tur leben, die junge Men­schen zwingt, keine Fa­mi­lie zu grün­den, weil es ihnen an Chan­cen für die Zu­kunft man­gelt. Und auf der an­de­ren Seite biete die­sel­be Kul­tur an­de­ren so viele Wahl­mög­lich­kei­ten, dass auch sie von der Grün­dung einer Fa­mi­lie ab­ge­hal­ten wer­den. Da­ne­ben gehen aus dem Schei­tern von Fa­mi­li­en aus Man­gel an Ver­söh­nung und Ver­ge­bung neue Ver­bin­dun­gen und Ehen her­vor, die wie­der­um schwie­ri­ge Ver­hält­nis­se schaf­fen. Zudem be­klagt er eine ge­bur­ten­feind­li­che Men­ta­li­tät, die wie­der­um zu wirt­schaft­li­cher Ver­ar­mung und Ver­trau­ens­ver­lust in die Zu­kunft führe. 

 

Die Rolle des Staa­tes

Fran­zis­kus be­ob­ach­tet ein zu­neh­men­des Des­in­ter­es­se der Staa­ten und Or­ga­ni­sa­tio­nen an der Fa­mi­lie. Diese fühl­ten sich oft al­lein ge­las­sen. Dar­aus lei­tet der Papst die For­de­rung an die Po­li­tik ab: „Es liegt in der Ver­ant­wor­tung des Staa­tes, recht­li­che und wirt­schaft­li­che Be­din­gun­gen zu schaf­fen, wel­che den Ju­gend­li­chen eine Zu­kunft ga­ran­tie­ren und ihnen dabei hel­fen, ihr Vor­ha­ben der Fa­mi­li­en­grün­dung um­zu­set­zen. In Zu­kunft müss­ten die Rech­te der Fa­mi­li­en wie­der über den Rech­ten des Ein­zel­nen ste­hen. Wört­lich: „Die Fa­mi­li­en haben … das Recht, von den staat­li­chen Au­to­ri­tä­ten eine an­ge­mes­se­ne Fa­mi­li­en­po­li­tik auf ju­ris­ti­schem, wirt­schaft­li­chem, so­zia­lem und steu­er­recht­li­chem Ge­biet er­war­ten zu kön­nen.“

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