Was macht eine Tätigkeit zum Beruf?

23.08.2016

Die Diskussion zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein Dauerbrenner. Fortschritte sind aber nur in Teilbereichen erkennbar. Nicht selten prallen politische Programmatiken, Arbeitsmarkt-Interessen, finanzielle Implikationen, Konsum-Ansprüche und lautstark eingebrachte Gender-Mainstream-Ideologien aufeinander. Ein engagiertes Plädoyer des Psychologen und Pädagogen Albert Wunsch.

 

(SSF/aw) Wel­che Wir­kung die im kon­kre­ten Fall zu tref­fen­de Ent­schei­dung auf die Er­zie­hungs- und Bil­dungs-Qua­li­tät der Kin­der hat, wird in der Dis­kus­si­on ent­we­der aus­ge­klam­mert oder viel zu wenig be­rück­sich­tigt. Par­al­lel dazu fin­det – manch­mal recht emo­tio­nal – eine Aus­ein­an­der­set­zung dar­über statt, wer denn von den Ehe- oder Le­bens-Part­nern in wel­chem Um­fang für das fi­nan­zi­el­le Ein­kom­men bzw. für das fa­mi­liä­re Aus­kom­men zu sor­gen hat

  • Da gibt es die laut­stark ver­tre­te­ne Rich­tung: “Raus aus dem Haus, nur eine Be­rufs­tä­tig­keit gibt Zu­frie­den­heit und An­er­ken­nung”. 

  • Die stil­le­re Va­ri­an­te lau­tet: Kin­der brau­chen eine über den Tag ver­teil­te Be­zie­hungs-Zeit. Be­rufs-Kar­rie­re ist nicht alles, aber die Be­din­gun­gen für die Fa­mi­li­en­tä­tig­keit sind mas­siv zu ver­bes­sern”. 

 

Was ist „Be­rufs­ar­beit“?

Immer häu­fi­ger gip­felt die Kon­tro­ver­se in der Ent­schei­dung, meist zum Leid­we­sen der Kin­der, dass Väter und Müt­ter – selbst schon von Säug­lin­gen – ganz­tä­gig einem Job nach­ge­hen. Dass El­tern zu oft von einem Ein­kom­men nicht leben kön­nen, wirft auch die Frage auf, wie Fa­mi­li­en durch eine bes­se­re fi­nan­zi­el­le Grund­aus­stat­tung er­mög­licht wer­den kann, an­ge­mes­sen zu leben. Um aus die­ser ver­track­ten Po­la­ri­sie­rung her­aus­zu­kom­men, steht neben ver­bes­ser­ten Wie­der­ein­stiegs-Chan­cen nach Er­zie­hungs­zei­ten und fa­mi­li­en­freund­li­che­ren Rah­men­be­din­gun­gen in­ner­halb des Er­werbs­le­bens auch eine neue Be­wer­tung in- und aus­ser­halb des Hau­ses ge­leis­te­te Ar­beit von Vä­tern und Müt­tern an. 

 

Zu Letz­te­rem ist je­doch viel Denk­a­kro­ba­tik not­wen­dig, denn es wurde bis­her nicht ge­klärt und in po­li­ti­schen Dis­kus­sio­nen ge­zielt aus­ge­klam­mert, die Kno­bel­fra­ge zu be­ant­wor­ten, durch was Ar­beit zum Beruf wird. 

  • Put­zen in einer Rei­ni­gungs­ko­lon­ne, Haus­häl­te­rin in der Ma­na­ger­vil­la, im Hort Kin­der er­zie­hen, im Al­ten­heim kran­ke Men­schen pfle­gen: dies sind ein­deu­tig Be­rufs­tä­tig­kei­ten. 

  • Wer­den im ei­ge­nen Haus­halt Zim­mer ge­säu­bert, schmack­haf­te Mahl­zei­ten auf­ge­tischt, Kin­der er­zo­gen, die Gross­mut­ter ge­pflegt, auch ein­deu­tig: keine Be­rufs­tä­tig­keit. 

  • Wer­den von zu­hau­se Ver­si­che­run­gen ge­makelt oder Wer­be­kon­zep­te für Fir­men er­stellt: klare Be­rufs­tä­tig­keit. 

  • Wer­den Wohl­tä­tig­keits-Kon­zer­te oder täg­li­che Le­bens­mit­tel-Ab­ga­ben für Ob­dach­lo­se und an­de­re Be­dürf­ti­ge or­ga­ni­siert, ist klar: keine Be­rufs­tä­tig­keit. 

 

Ent­schei­dend ist der Lohn­aus­weis oder das Ho­no­rar

Die Fak­ten spre­chen für sich, das Grü­beln kann ein­ge­stellt wer­den, die Ant­wort ist ein­deu­tig. Auch wenn häu­fig die ach so er­fül­lend dar­ge­stell­te Be­rufs­tä­tig­keit im Ge­gen­satz zur Haus­ar­beit un­ter­stri­chen wird, nicht die Auf­ga­ben­stel­lung bzw. Tä­tig­keits­art, son­dern Ge­halts-Über­wei­sun­gen oder Ho­no­rar-Rech­nun­gen ent­schei­den, ob man/frau be­rufs­tä­tig ist. 

Wer je­doch – wie der be­kann­te Bun­des­po­li­ti­ker und Grü­nen-Chef Fritz Kuhn – die für das Fa­mi­li­en­le­ben zu er­brin­gen­de Ar­beit in die Ka­te­go­ri­en: "einer ver­dient, einer putzt", auf­teilt, um der so­ge­nann­ten "Haus­frau­en-Ehe" den Gar­aus zu ma­chen, dis­kri­mi­niert aufs gröbs­te die für das Zu­sam­men­le­ben wich­ti­gen Auf­ga­ben zwi­schen Kin­der­er­zie­hung und Haus­halts­füh­rung und ge­hört schnells­tens von der po­li­ti­schen Ebene hin­weg ge­putzt. 

 

My­thos to­ta­le Ver­ein­bar­keit

Dazu ein Zitat von ZEIT-Re­dak­to­rin Su­san­ne Gasch­ke: „Fa­mi­li­en­po­li­ti­ker soll­ten auf­hö­ren, in etwas fahr­läs­si­ger Weise den Aber­glau­ben zu pro­pa­gie­ren, eine to­ta­le Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­lie und Beruf sei so­wohl mach- als auch wünsch­bar.“ Sie un­ter­streicht, dass Fa­mi­lie und Beruf sich fast ge­gen­sei­tig aus­schlies­sen, da beide Sphä­ren einen zu grund­le­gen­den An­spruch für sich er­he­ben. So ist es nicht ver­wun­der­lich, dass in einem “Ge­ne­ra­tio­nen-Ba­ro­me­ter“ ver­deut­licht wurde, dass die el­ter­li­che Er­zie­hung zwar hohen An­for­de­run­gen zu ent­spre­chen habe, dass aber deren ge­sell­schaft­li­che An­er­ken­nung viel zu ge­ring sei.

Aber bei den ton­an­ge­ben­den Po­li­ti­kern scheint für die Auf­nah­me die­ser Fak­ten kein Hirn­are­al ver­füg­bar zu sein. So for­der­te der Eu­ro­päi­sche Rat in Bar­ce­lo­na eine In­ten­si­vie­rung der Be­schäf­ti­gungs­stra­te­gie, um das Ziel der „Gleich­stel­lung der Ge­schlech­ter“ durch eine mög­lichst voll­zei­ti­ge Er­werb­tä­tig­keit der Frau­en zu er­rei­chen. Das „Bar­ce­lo­na-Ziel“ ist aber nur zu er­rei­chen, wenn die „tra­di­tio­nel­len, fa­mi­liä­ren Struk­tu­ren und Rol­len­mus­ter“ auf­ge­löst wer­den. Dazu muss der Mensch selbst ge­än­dert wer­den, und zwar mit der Me­tho­de des Gen­der Main­strea­m­ing. 

 

Zwi­schen Ideo­lo­gie und Frei­heit
Die Ziel­set­zung der Po­li­tik, dass durch po­li­ti­sche Mas­sah­men die Be­schäf­ti­gungs­fä­hig­keit von Müt­tern an das Ni­veau ihrer kin­der­lo­sen Ge­schlechts-Ge­nos­sin­nen her­an­zu­füh­ren sei, ist im Zu­sam­men­hang der hier ver­deut­lich­ten As­pek­te als kon­tra­pro­duk­tiv zu be­zeich­nen. Wie kom­men – sich de­mo­kra­tisch ge­ben­de – Po­li­ti­ker ei­gent­lich zu einem solch dik­ta­to­ri­schen Po­li­tik­ver­ständ­nis? Han­deln sie nach der De­vi­se: “In Frei­heit ge­wählt ist eine gute Vor­aus­set­zung, um an­schlies­send die ei­ge­ne Ideo­lo­gi­en, wie Men­schen als Ge­schlechts­we­sen und als Fa­mi­lie zu leben haben, per Zwang um­zu­set­zen”? “Oh, was soll eine sol­che Kri­tik”, wer­den viele Po­li­ti­ker brüs­kiert ein­brin­gen, – “wir wol­len nur er­wei­ter­te Wahl­mög­lich­kei­ten schaf­fen. Und um beim dum­men oder un­ent­schlos­se­nen Volk nicht zu­viel Ent­schei­dungs­un­si­cher­heit ent­ste­hen zu las­sen, wer­den die von uns fa­vo­ri­sier­ten Le­bens­mo­del­le halt mit kräf­ti­gen Sub­ven­tio­nen oder Prä­mi­en at­trak­tiv ge­macht”. 

 

Das Men­schen­recht auf freie Wahl ge­fähr­det

Nein, sol­che Denk­an­sät­ze und Hand­lungs­wei­se ste­hen nicht nur ein­deu­tig im Wi­der­spruch zu un­se­rer Ver­fas­sung, son­dern sind auch ein ekla­tan­ter Ver­stoss gegen die Men­schen­rech­te. Um aus die­sem staat­li­chen “Ich schrei­be Dir vor, wie Du zu leben hast” Di­ri­gis­mus her­aus zu kom­men, ist statt­des­sen die durch Väter und Müt­ter zu er­brin­gen­de Er­zie­hungs­leis­tung ge­zielt im Rah­men eines an­ge­mes­se­nen Er­zie­hungs-Gel­des bzw. -Ge­hal­tes mit ent­spre­chen­den Ren­ten­an­sprü­chen zu ho­no­rie­ren. Und schon hät­ten wir – zur Freu­de aller Sta­tis­ti­ker – mit einem Schlag Mil­lio­nen von Men­schen ins Be­rufs­le­ben in­te­griert. Da müss­ten doch alle Po­li­ti­ker, wel­che sich seit Jah­ren für eine volle Be­rufs­tä­tig­keit der Frau­en ein­set­zen, wahre Luft­sprün­ge ma­chen und auch die lei­di­ge Herd­prä­mi­en-Dis­kus­si­on hätte sich er­üb­rigt. 

 

Die Fa­mi­lie ist die “Er­neue­rungs­zel­le der Ge­sell­schaft in bio­lo­gi­scher, mo­ra­li­scher und kul­tu­rel­ler Hin­sicht”, so der Wie­ner So­zi­al­ethi­ker Jo­han­nes Mess­ner. (In: Das na­tur­recht­li­che Hand­buch der Ge­sell­schafts­ethik, Staats­ethik und Wirt­schafts­ethik, S. 578 – 580). Aber nicht ein äus­serst sorg­sa­mer Um­gang mit die­sem “Hu­man­ka­pi­tal” wird hier deut­lich, son­dern Po­li­ti­ker und Un­ter­neh­mer be­trach­ten die Fa­mi­lie in der Regel als un­wirt­schaft­li­ches Ab­schrei­be-Gut, weil es nur koste und nichts brin­ge. Die­ser fol­gen­schwe­re Trug­schluss of­fen­bart ein be­schränk­tes Ver­ständ­nis von Pro­duk­ti­ons-Zu­sam­men­hän­gen. 

 

Pro­duk­ti­ons­stät­te Fa­mi­li­en-GmbH 

Würde be­rück­sich­tigt, dass Fa­mi­li­en durch die Er­zie­hung nach­wach­sen­de Pro­du­zen­ten und Kon­su­men­ten “schaf­fen”, müss­te in die­sen Be­reich ge­nau­so in­ves­tiert wer­den, wie in die Ent­wick­lungs- oder Per­so­nal­ab­tei­lun­gen von Be­trie­ben. Denn neben preis­wer­ten Roh­stof­fen oder gut funk­tio­nie­ren­den Ma­schi­nen kommt den Men­schen als “Hu­man-Res­sour­ce” die gröss­te Be­deu­tung zu. Ob Pro­duk­ti­on, Han­del oder Dienst­leis­tun­gen, die Exis­tenz aller Un­ter­neh­men hängt von leis­tungs­fä­hi­gen Men­schen ab, ei­ner­seits als ef­fek­ti­ve Mit­ar­bei­ter und an­de­rer­seits als zah­lungs­fä­hi­ge Käu­fer. 

 

Daher bit­ten Fa­mi­li­en nicht um Al­mo­sen, son­dern sind als Basis der Zu­kunfts­fä­hig­keit des je­wei­li­gen Wirt­schafts­stand­or­tes so zu be­han­deln, wie im Ge­schäfts­le­ben mit Ka­pi­tal­ge­bern oder Res­sour­cen-Be­reit­stel­lern um­ge­gan­gen wird: zu­vor­kom­mend, Ta­len­te för­dernd und auf Nach­hal­tig­keit ach­tend. Kurz: Zu­kunfts­ori­en­tier­te Un­ter­neh­mer und Po­li­ti­ker wer­den die Ent­wick­lung der “Pro­duk­ti­ons­stät­te Fa­mi­li­en-GmbH” gut im Auge be­hal­ten und aus ge­sell­schaft­li­chem Ei­gen­nutz op­ti­mal för­dern wol­len. 

 

Aus­beu­tung der fa­mi­lia­len Leis­tun­gen

In auf­fal­len­dem Kon­trast zur Be­deu­tung der Fa­mi­lie steht je­doch der im öf­fent­li­chen Han­deln ab­les­ba­re nied­ri­ge Stel­len­wert in einer markt- und er­werbs­zen­trier­ten Ge­sell­schaft. “Diese ver­nach­läs­sigt weit­hin sträf­lich die Be­lan­ge von Fa­mi­li­en und Haus­hal­ten und geht mit dem fa­mi­lia­len Leis­tungs-Po­ten­ti­al eher aus­beu­te­risch als stär­kend um“, so­weit Max Win­gen in sei­nem Buch: Fa­mi­li­en­po­li­ti­sche Denk­an­stös­se. (S. 18, zi­tiert nach Frau­en­rat NW und Fa­mi­li­en­bund NW S.10). Setzt hier kein Kurs­wech­sel ein, ge­ra­ten noch mehr Kin­der mit­samt ihren viel­fäl­ti­gen Be­dürf­tig­kei­ten auf den Ver­schie­be­bahn­hof zwi­schen Ge­burts-El­tern­haus, Fremd­be­treu­ung und Selbst­über­las­sung als Aus­druck der non­ver­ba­len Kern­aus­sa­ge: “Du bist mir nicht so wich­tig”!

 

Aber ein Kin­der­lä­cheln lässt sich nicht in Gold auf­wie­gen und es gibt auch keine zwei­te Chan­ce für ori­gi­nä­re Be­zie­hungs­zei­ten mit dem ei­ge­nen Nach­wuchs.

 
Zur Per­son

Dr. Al­bert Wunsch ist Psy­cho­lo­ge, Di­plom So­zi­al­päd­ago­ge, Di­plom Päd­ago­ge, Kunst- und Werk­leh­rer sowie pro­mo­vier­ter Er­zie­hungs­wis­sen­schaft­ler. Er ar­bei­tet in ei­ge­ner Pra­xis als Paar-, Er­zie­hungs-, Le­bens- und Kon­flikt-Be­ra­ter sowie als Su­per­vi­sor und Kon­flikt-Coach (DGSv). Er ist Vater von 2 Söh­nen und Gross­va­ter von 3 En­kel­töch­tern. 

 

Seine Bü­cher: Die Ver­wöh­nungs­fal­le (auch in Korea und China er­schie­nen), Ab­schied von der Spass­päd­ago­gik, Bo­xen­stopp für Paare und: Mit mehr Selbst zum sta­bi­len ICH – Resi­li­enz als Basis der Per­sön­lich­keits­bil­dung, lös­ten ein star­kes Me­di­en­echo aus mach­ten ihn im deut­schen Sprach­be­reich be­kannt. Wei­te­re Infos

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