Wie sich Migranten integrieren – oder auch nicht

15.09.2016

Migranten bringen viele positive Voraussetzungen mit, um sich in Europa zu integrieren. Trotzdem können Parallelgesellschaften entstehen und sogar eigene Rechtsräume. Eine Studie zeigt die Mechanismen auf.

 

(SSF/iDAF/im.) Mi­gran­ten sind meis­tens viel fa­mi­li­en­be­zo­ge­ner als eu­ro­päi­sche Ge­sell­schaf­ten. Ihre Fa­mi­li­en ba­sie­ren häu­fi­ger auf einer Ehe (in Deutsch­land 80% ge­gen­über 69 % von Men­schen ohne Mi­gra­ti­ons­hin­der­grund), sie sind sel­te­ner ge­schie­den und haben öfter drei und mehr Kin­der (15% ge­gen­über 9% ohne Mi­gra­ti­ons­hin­der­grund). Dies stellt eine Stu­die von Ste­fan Luft, Po­li­tik­wis­sen­schaf­ter an der Uni­ver­si­tät Bre­men, fest.

 

Ri­si­ko­po­ten­zi­al in den Städ­ten

Das sind die po­si­ti­ven Merk­ma­le, an die eine gute In­te­gra­ti­ons­po­li­tik an­knüp­fen könn­te, was zum Teil auch von Kir­chen getan wird. Die Kehr­sei­te: Mi­gran­ten­fa­mi­li­en sind dop­pelt so häu­fig arm und leben von So­zi­al­leis­tun­gen. Sie leben über­durch­schnitt­lich häu­fig in Gross­städ­ten, und ihre Kin­der tun sich be­son­ders schwer, sich ins Bil­dungs- und Be­rufs­sys­tem zu in­te­grie­ren. Es kommt – vor allem in Gross­städ­ten – zur Kon­zen­tra­ti­on von eth­ni­schen Grup­pen, in Deutsch­land be­son­ders auf­fäl­lig sind etwa die Tür­ken­quar­tie­re in Ber­lin. Be­züg­lich der Kin­der hält der Be­richt Be­un­ru­hi­gen­des fest: „Der grös­se­re Teil der nach­wach­sen­den Ge­ne­ra­ti­on wächst in den gros­sen Städ­ten unter Le­bens­be­din­gun­gen auf, die die all­täg­li­che Er­fah­rung der Nor­ma­li­tät von Armut, Ar­beits­lo­sig­keit, so­zia­ler Aus­gren­zung und Apa­thie, ge­sund­heit­li­chen Be­ein­träch­ti­gun­gen, ge­schei­ter­ten Fa­mi­li­en, mög­li­cher­wei­se auch Ge­walt und Ver­nach­läs­si­gung be­inhal­ten.“ Sie haben kaum eine Ge­le­gen­heit, sich in die Be­rufs­welt zu in­te­grie­ren und wer­den zu einer so­zia­len Hy­po­thek wer­den, wenn nicht Mit­tel und Wege ge­fun­den wer­den, sie in Be­rufs­welt und in die hie­si­ge Ge­sell­schaft über­haupt zu in­te­grie­ren.

 

Ket­ten­wan­de­rung und ihre Fol­gen

Eine der Ur­sa­chen dafür ist die „Ket­ten­wan­de­rung“. Be­reits ein­ge­wan­der­te Per­so­nen und Fa­mi­li­en zie­hen wei­te­re Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge nach. Dass sich diese Mi­gran­ten im Rah­men einer Fa­mi­lie be­we­gen kön­nen, ist po­si­tiv für ihre psy­chi­sche Sta­bi­li­tät, bremst aber auch ihre In­te­gra­ti­on in die eu­ro­päi­schen Ge­sell­schaf­ten, wie Ste­fan Luft fest­stellt. Vor die­sem Hin­ter­grund er­hal­ten Be­mü­hun­gen Auf­trieb, we­nigs­tens die Chris­ten unter den Mi­gran­ten, die unter ihnen die Mehr­heit bil­den, zu er­rei­chen. Die kul­tu­rel­le Dis­tanz ist bei ihnen klei­ner als bei Men­schen aus mus­li­mi­schen Kul­tu­ren.

 

Mus­li­me tun sich bei der In­te­gra­ti­on schwe­rer, da sie oft ganz an­de­re Rol­len­bil­der von Män­nern, Frau­en, El­tern und Kin­dern in der Fa­mi­lie mit­brin­gen. Dass Män­ner, die sich als Al­lei­ner­näh­rer der Fa­mi­lie ver­ste­hen, oft keine exis­tenz­si­chern­de Ar­beit fin­den, ver­schärft zudem Span­nun­gen in der Fa­mi­lie. Dazu kommt, dass die Kin­der sich oft an der um­ge­ben­den Kul­tur und Rol­len­bil­dern ori­en­tie­ren, was sie in Kon­flikt mit der Her­kunfts­fa­mi­lie bringt. Die Männ­lich­keits­vor­stel­lun­gen ju­gend­li­cher Mi­gran­ten füh­ren dann häu­fig zu Ge­walt­aus­brü­chen.

 

Fa­mi­li­en­rol­len als Span­nungs­feld

Der Be­richt ver­weist so­dann auf den ver­brei­te­ten er­wei­ter­ten Fa­mi­li­en­be­griff im tür­ki­schen und ara­bi­schen Kul­tu­ren. So­li­da­ri­tät, Loya­li­tät und Ge­hor­sam gel­ten dort nicht nur der Kern­fa­mi­lie son­dern auch der Mehr­ge­ne­ra­tio­nen-Gross­fa­mi­lie. Bei ein­zel­nen Zu­wan­de­r­er­grup­pen hät­ten sich Stam­me­si­den­ti­tät und Stam­mes­be­wusst­sein er­hal­ten, die sich zu Clan­struk­tu­ren ent­wi­ckeln. In Min­der­hei­ten der zu­ge­wan­der­ten Be­völ­ke­rung hät­ten sich Clans, die von Po­li­zei­fach­leu­ten als „eth­nisch ab­ge­schot­te­te Sub­kul­tu­ren“ be­zeich­net wer­den, her­aus­ge­bil­det. Ihre re­gio­na­len Schwer­punk­te in Deutsch­land lie­gen in Ber­lin, Bre­men, Nie­der­sach­sen (unter an­de­rem Celle) und Nord­rhein-West­fa­len. Es gibt dort be­reits eine Or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät und eine Art Par­al­lel­jus­tiz. Die Po­li­zei scheut die Kon­fron­ta­ti­on mit die­sen Grup­pen und hält sich aus in­ter­nen Kon­flik­ten her­aus, was zum einen die Po­si­ti­on der Clans wei­ter ver­stärkt und zum an­de­ren das staat­li­che Ge­walt­mo­no­pol un­ter­gräbt und un­glaub­wür­dig macht, wie Ste­fan Luft be­tont.

 

Nichts tun wird zu teuer

Fazit: Es ge­nügt nicht, diese Ent­wick­lun­gen nur zu be­ob­ach­ten. Po­li­tik und Kir­chen sind ge­for­dert, Mass­nah­men zur In­te­gra­ti­on zu pla­nen und um­zu­set­zen, auch wenn wich­ti­ge Kräf­te in der Po­li­tik dies ver­hin­dern wol­len. Es braucht zudem eine ak­ti­ve Mi­gra­ti­ons­po­li­tik, wenn es nicht zu Ver­hält­nis­sen wie in den fran­zö­si­schen Vor­städ­ten kom­men soll. Das wird uns viel Geld und Ar­beit kos­ten, aber wenn wir hier schlam­pen, wird es noch mehr kos­ten.

 

Please reload

Please reload

ARCHIV

BITTTE HELFEN SIE UNS HELFEN!

 

Postkonto 60-74959-6

IBAN CH90 0900 0000 6007 4959 6

ZEITSCHRIFT

 

Mit einem Unterstützungsabo von CHF 20 fördern Sie die Zeitschrift.

Schweizerische Stiftung für die Familie (SSF)

Forchstrasse 145 | 8032 Zürich

Telefon 044 252 94 12

info(at)stiftung-familie.ch | www.stiftung-familie.ch

  • White Twitter Icon
  • White Facebook Icon
  • Weiß YouTube Icon