Digitale Geräte und digitale Demenz

02.02.2017

Während Wirtschaftskreise und Industrie die digitale Revolution schon möglichst früh in die Schule bringen wollen und den iPad am liebsten schon im Kindergarten sehen würden, warnt der Ulmer Gehirnforscher und Bestsellerautor Professor Manfred Spitzer vor den negativen Folgen: Der zu frühe Umgang mit Computer, Playstation und iPad könne schwere Lernstörungen verursachen.

 

Darauf angesprochen, weshalb er mit Büchern wie „Cyberkrank“ und „Digitale Demenz“ so vehement vor digitalem Spielzeug und Geräten für Kinder warnt, sagt Manfred Spitzer: „Ich möchte lediglich zeigen, dass die Benutzung von Computern, Fernsehern, Smartphones oder Playstations Gefahren mit sich bringt, die bei Kindern und Jugendlichen besonders gravierend sind. Die Gehirnentwicklung von Kindern wird beeinträchtigt, Aggressivität wird gefördert, Aufmerksamkeit gestört und der Bewegungs- und Schlafmangel führt oft zu Übergewicht. Kurz, es besteht die Gefahr, dass die Kinder dumm, aggressiv und dick werden. Dies ist nicht meine persönliche Meinung, sondern ich habe es in beiden Büchern zusammen mit mehr als tausend Studien belegt.“

 

Digitale (Teil-)Abstinenz lohnt sich

Spitzer hat die weitgehende digitale Abstinenz auch in seiner eigenen Familie durchgezogen. Im Interview mit der Schweizerischen Stiftung für die Familie rät Spitzer Eltern: „Ich würde Nintendo, Playstation einen iPod touch oder gar ein Smartphone meinem Zehnjährigen niemals kaufen, denn in diesem Alter ist man noch nicht reif für den weltweit grössten Tummelplatz Krimineller sowie den weltweit grössten Rotlichtbezirk. ... Meine Empfehlung an die Eltern ist ganz klar: Beschränkung! Je später die Kinder damit anfangen, desto besser ist es. Es gibt so viele tolle Sachen, die man als Mensch lernen kann. Warum die Zeit vertun mit digitalem langweiligem Schnickschnack, der einen im Leben nicht weiterbringt? Dass man das seinen Kindern erklären muss, ist klar. Täglich diskutieren muss hingegen nur, wer seinen Kindern schon alles gegeben hat und dann letztlich schon auf verlorenem Posten kämpft!“

 

„Wer seinem Kind ein Smartphone schenkt, verschenkt Schulprobleme“

Doch gerade das Smartphone ist heute unter Kindern und Jugendlichen zur Selbstverständlichkeit geworden. Kann man es den Kindern verbieten? Spitzer dazu: „Nein! Sie sollten ihrem Kind (bis zum 14 Lebensjahr) keines kaufen! Was das Kind nicht hat, muss man ihm nicht verbieten! Wer seinem Kind ein Smartphone schenkt, verschenkt Schulprobleme, Aufmerksamkeitsstörungen, Depressionen, schlechte Noten und langfristig Krankheit und einen früheren Tod! Dies lässt sich (mit unzähligen wissenschaftlichen Studien, Red.) belegen, es handelt sich hier also nicht um eine blosse Meinung. Wir schenken Dreijährigen ja auch nicht unbegrenzt Bonbons, nur weil sie sich das wünschen. Vielmehr halten wir gegen, im besten Interesse des Dreijährigen! Nichts anderes gilt für digitale Informationstechnik.“

Skeptisch ist Spitzer auch gegen einen frühen Einstieg bei Facebook. Seine Begründung: „Für uns Erwachsene, die wir ein bereits gut entwickeltes soziales Gehirn haben, ist es kein Problem, Kontakte auch über Facebook zu verwalten. Aber das Gehirn muss sich erst ausbilden, d.h. die entsprechenden Module müssen durch wirkliche soziale Kontakte erst lernen, wie das geht. Gehirnbildung besteht darin, dass Nervenzellen durch ihre Benutzung überhaupt erst verknüpft werden. Junge Menschen haben nur durch reale Kontakte eine Chance, ihre sozialen Fähigkeiten wirklich zu entwickeln.“

 

Das vollständige Interview mit Manfred Spitzer erscheint in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift „Familie ist Zukunft“.

 

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Zur Person
Prof. Manfred Spitzer, geboren 1958, studierte Medizin, Psychologie und Philosophie, bildete sich zum Psychiater weiter und habilitierte im Fach Psychiatrie. Seit 1997 hat er den Lehrstuhl für Psychiatrie der Universität Ulm inne und leitet die seit 1998 bestehende Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm.

 

Im Jahre 2004 gründete er das «TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen» an der Universität Ulm. Manfred Spitzer ist verheiratet und Vater von fünf Kindern.

Als Wissenschaftler und einer der bekanntesten deutschsprachigen Gehirnforscher wehrt er sich gegen die von Microsoft und Co. geförderte Computerspiel-Pädagogik, die alle Schüler mit einem Notebook ausstatten will und – entgegen unzähliger wissenschaftlicher Studien – die Gefahren des zunehmenden Konsums elektronischer Medien durch Kinder und Jugendliche leugnet. 

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