Christliche Erziehung und der rasante Wandel der Erziehungsstile

20.02.2017

Die Familie als Institution befindet sich in einem rasanten Wandel, stellen die Verfasser einer Studie fest, die sich vor allem auf Familien konzentriert hat, die eine bewusste christliche Erziehung pflegen. Sie stellen dabei eine intensive gesellschaftliche Transformationen und einen damit einhergehenden Wertewandel fest, der auch die Institution Familie verändert. Dies drücke sich vor allem in einem Wechsel in den Erziehungsstilen aus, der sowohl religiöse wie nichtreligiöse Eltern prägt. Die Studienautoren behandelten auch das heikle Thema Gewalt in der Erziehung.

 

Die Au­to­ren der Stu­die, To­bi­as Künk­ler, To­bi­as Faix und Tim Sand­mann vom deut­schen For­schungs­in­sti­tut „em­pi­ri­ca“ gin­gen der Frage nach, wie Glau­bens­er­zie­hung in christ­li­chen Fa­mi­li­en (mit christ­lich, ten­den­zi­ell hoch­re­li­giö­sen El­tern) kon­kret aus­sieht und wie sich ge­sell­schaft­li­che Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­se in die­ser nie­der­schla­gen.

 

Die Au­to­ren stel­len vor­erst viele Ge­mein­sam­kei­ten fest: Ein grund­le­gen­der Wan­del in der fa­mi­liä­ren Er­zie­hung der letz­ten Jahr­zehn­te könne mit den Stich­wor­ten Li­be­ra­li­sie­rung der Er­zie­hung, vom Be­fehls- zum Ver­hand­lungs­haus­halt, De­mo­kra­ti­sie­rung der El­tern-Kind-Be­zie­hung und Kin­d­ori­en­tie­rung be­schrie­ben wer­den.

 

Die neuen Er­zie­hungs­sti­le auch bei re­li­giö­sen El­tern

Die Au­to­ren be­ob­ach­ten einen Wan­del der Er­zie­hungs­zie­le, -wer­te und –nor­men: „Ver­ein­facht ge­sagt sind Ge­hor­sam­keit und Un­ter­ord­nung als zen­tra­le Er­zie­hungs­zie­le zu­neh­mend durch Selbst­stän­dig­keit und Selbst­ver­wirk­li­chung er­setzt wor­den.“ Die meis­ten El­tern wünsch­ten sich heute, „dass ihre Kin­der selbst­stän­di­ge, glück­li­che und so­zi­al ver­ant­wort­lich han­deln­de Men­schen wer­den.“

 

Die­ser Wan­del in den Er­zie­hungs­zie­len gehe ein­her mit einem Wan­del des Er­zie­hungs­ver­hal­tens. Über den Weg hin zu den ver­än­der­ten Er­zie­hungs­zie­len gebe es zudem laut dem Er­zie­hungs­wis­sen­schaf­ter Mar­tin Dor­nes sehr ähn­li­che Vor­stel­lun­gen, „dass näm­lich eine kom­mu­ni­ka­ti­ons- und ver­hand­lungs­ori­en­tier­te Er­zie­hung die Er­rei­chung die­ses Ziels för­dert und den kind­li­chen Ent­wick­lungs­be­dürf­nis­sen am bes­ten ent­spricht“ (Dor­nes, Mar­tin (2012): Die Mo­der­ni­sie­rung der Seele. Kind - Fa­mi­lie - Ge­sell­schaft. Frank­furt am Main: Fi­scher: S. 235f). Dor­nes be­rich­tet von Un­ter­su­chun­gen, die zei­gen, dass heute in ca. 80% der Haus­hal­te zu­min­dest Ele­men­te von Ver­hand­lung und Ent­schei­dungs­mit­be­tei­li­gung vor­han­den sind (Dor­nes S. 298).

 

Grund­le­gend ver­än­der­te Ein­stel­lung

Der Wan­del vom Be­fehls- zum Ver­hand­lungs­haus­halt schaf­fe ent­ge­gen an­ders­lau­ten­der Kli­schees je­doch weder Kon­flik­te noch Ver­bo­te aus der Welt, es komme je­doch zu einer grund­le­gend an­de­ren Ein­stel­lung in Bezug auf die kind­li­chen Be­dürf­nis­se und For­de­run­gen: „Diese müs­sen grund­sätz­lich auf ihre Be­rech­ti­gung hin ge­prüft und kön­nen nicht ein­fach zu­rück­ge­wie­sen wer­den“, be­fin­det Dor­nes. Die neue Ein­stel­lung führe zu einem „Rück­gang von Fremd­be­stim­mung der Kin­der, einer Auf­wei­chung der tra­di­tio­nel­len pa­tri­ar­cha­li­schen An­er­ken­nungs­ord­nung in der Fa­mi­lie und der kom­mu­ni­ka­ti­ven Ver­flüs­si­gung der Be­zie­hun­gen“ (Dor­nes S. 297).

 

Die Un­ter­schie­de der „christ­li­chen Er­zie­hung“ ge­gen­über an­de­ren Er­zie­hungs­for­men lie­gen vor allem darin, dass die El­tern ihrem Nach­wuchs in den christ­li­chen Glau­ben ein­füh­ren und ihre Kün­der zu einem Ja zum Glau­ben mo­ti­vie­ren wol­len. Sie legen Wert auf eine hö­he­re el­ter­li­che Prä­senz, auch wenn diese nicht immer mög­lich ist, und sie ver­su­chen, ihren Nach­wuchs vor frü­hen se­xu­el­len Er­fah­run­gen, mög­lichst bis zur Ehe­schlies­sung, zu be­wah­ren bzw. zum War­ten zu über­zeu­gen. Sie be­su­chen mit ihnen den Got­tes­dienst und las­sen sie an den Kin­der- und Ju­gend­pro­gram­men der christ­li­chen Ge­mein­de teil­ha­ben. In der Kon­se­quenz lie­gen meis­tens Kin­der ka­tho­li­scher oder lan­des­kirch­lich ori­en­tier­ter El­tern hin­ter den Frei­kirch­lern.

 

Der Klaps auf den Hin­tern

Ein be­son­de­res Au­gen­merk legen die Stu­di­en­au­to­ren auf die un­längst heiss dis­ku­tier­te Pra­xis der Kör­per­stra­fe bei frei­kirch­li­chen Fa­mi­li­en. „Es ist bes­ser als ge­dacht, aber kein Grund zur Be­ru­hi­gung“, schrei­ben dazu die Au­to­ren. Po­si­tiv for­mu­liert: Die klar Mehr­heit der frei­kirch­li­chen Chris­ten lehnt die Kör­per­stra­fe heute ab. Die schlech­te: Ein gutes Vier­tel der Be­frag­ten gab an, dass „kör­per­li­che Ge­walt nicht in kla­rem Ge­gen­satz zu ihrem Glau­ben“ stehe, und knapp 40 Pro­zent geben an, dass sich eine kör­per­li­che Stra­fe manch­mal nicht ver­mei­den lasse, ob­wohl sie diese nicht gut fin­den. Und sei es nur der be­kann­te „Klaps auf den Hin­tern“. Die Au­to­ren schlies­sen dar­aus: „Die Ein­stel­lung zu die­sem Thema hat sich also ei­ner­seits deut­lich ge­wan­delt, an­de­rer­seits ist sie aber bei vie­len Be­frag­ten un­ein­deu­tig oder immer noch pro­ble­ma­tisch. Zu­min­dest aus un­se­rer Sicht, da wir klar Ge­walt in der Er­zie­hung ab­leh­nen.“

 

Christ­li­che Er­zie­hungs­ratge­ber leh­nen Kör­per­stra­fen meis­tens ab

Dazu wäre zu be­mer­ken, dass Bü­cher, die im frei­kirch­li­chen Raum ver­kauft wer­den, gröss­ten­teils die Kör­per­stra­fe ab­leh­nen, wobei es noch ganz we­ni­ge Aus­reis­ser gibt. Zudem haben der Ver­band VFG – Frei­kir­chen Schweiz und die Schwei­ze­ri­sche Evan­ge­li­sche Al­li­anz sich in Er­klä­run­gen von Kör­per­stra­fen in der Er­zie­hung dis­tan­ziert. Al­ler­dings be­rie­fen sich nur ganz we­ni­ge Stu­di­en­teil­neh­mer auf die Bibel, um Kör­per­stra­fen zu le­gi­ti­mie­ren. Ak­tu­el­le Er­zie­hungs­ratge­ber oder Stu­di­en wie die vor­lie­gen­de, die aus die­sen evan­ge­li­schen Raum kom­men, po­si­tio­nie­ren sich klar gegen Kör­per­stra­fen.

 

Psy­chi­sche an­stel­le von kör­per­li­cher Ge­walt?

In­ter­es­sant ge­we­sen wäre, wenn sich die Au­to­ren auch der Frage an­ge­nom­men hät­ten, ob an­stel­le der Kör­per­stra­fe auch in christ­li­chen Fa­mi­li­en psy­chi­scher Druck oder gar Lie­bes­ent­zug ein­ge­setzt wird, wie dies zum Bei­spiel die Er­zie­hungs­wis­sen­schaf­te­rin Mar­grit Stamm bei Un­ter­su­chun­gen ge­ne­rell unter Schwei­zer Fa­mi­li­en fest­ge­stellt hat. Es wäre in­ter­es­sant zu er­fah­ren, ob dies­be­züg­lich christ­li­che Fa­mi­li­en bes­ser ab­schnei­den, weil der Ein­satz psy­chi­scher Ge­walt ihren Wer­ten mehr wi­der­spricht als kör­per­li­che. Die im par­al­lel zur Stu­die er­schie­ne­nen Buch „Zwi­schen Furcht und Frei­heit“ auf­ge­führ­ten vier evan­ge­li­ka­len Er­zie­hungs­ver­ständ­nis­se sind von In­fo­sek­ta über­nom­men und wir­ken ten­den­zi­ös, auch im Ver­ständ­nis von „psy­chi­scher Ge­walt“. Nur ein „au­to­ri­ta­tiv-par­ti­zi­pa­ti­ves“ Er­zie­hungs­ver­ständ­nis, das sogar dar­auf ver­zich­tet, dem Kind den christ­li­chen Glau­ben nahe zu brin­gen, wäre dem­nach frei von psy­chi­scher Ge­walt.

 

Kör­per­stra­fen aus der Sicht der Schweiz. Stif­tung für die Fa­mi­lie

Die Schwei­ze­ri­sche Stif­tung für die Fa­mi­lie lehnt so­wohl die kör­per­li­che als auch die psy­chi­sche Ge­walt in der Er­zie­hung ab, wie Ge­schäfts­füh­rer Mar­kus Dö­beli auf An­fra­ge be­stä­tigt: «Als Schwei­ze­ri­sche Stif­tung für die Fa­mi­lie leh­nen wir so­wohl kör­per­li­che als auch psy­chi­sche Ge­walt in der Er­zie­hung ab. Schlä­ge in der Er­zie­hung brin­gen nichts – im Ge­gen­teil: Stu­di­en zei­gen, dass kör­per­li­che Ge­walt viel­leicht kurz­fris­tig eine Ver­hal­tens­än­de­rung bringt. Lang­fris­tig ver­stär­ken Schlä­ge je­doch das ne­ga­ti­ve Ver­hal­ten der Kin­der. Zudem ver­än­dern sie das Ge­hirn des Kin­des. Die ko­gni­ti­ven Fä­hig­kei­ten sind bei die­sen Kin­dern we­ni­ger stark ent­wi­ckelt. Ge­nau­so wie kör­per­li­che Ge­walt scha­det aber auch die psy­chi­sche Ge­walt den Kin­dern. Viele El­tern sind über­for­dert und wis­sen nicht, dass es zur Ge­walt in der Er­zie­hung gute Al­ter­na­ti­ven gibt. Viele über­neh­men un­re­flek­tiert den Er­zie­hungs­stil der ei­ge­nen El­tern. Ge­walt in der Er­zie­hung lässt sich nur ver­hin­dern, indem wir die Er­zie­hungs­kom­pe­tenz der El­tern för­dern.»

 

Die Aus­wer­tung der Stu­die ist als Buch er­schie­nen: To­bi­as Künk­ler und To­bi­as Faix: Zwi­schen Furcht und Frei­heit/ Das Di­lem­ma der christ­li­chen Er­zie­hung. 247 S., SCM R. Brock­haus, 2017

Please reload

Please reload

ARCHIV

BITTTE HELFEN SIE UNS HELFEN!

 

Postkonto 60-74959-6

IBAN CH90 0900 0000 6007 4959 6

ZEITSCHRIFT

 

Mit einem Unterstützungsabo von CHF 20 fördern Sie die Zeitschrift.

Schweizerische Stiftung für die Familie (SSF)

Forchstrasse 145 | 8032 Zürich

Telefon 044 252 94 12

info(at)stiftung-familie.ch | www.stiftung-familie.ch

  • White Twitter Icon
  • White Facebook Icon