Eine "heilige Allianz" für die Familie

14.08.2018

 

Dominique de Buman (CVP), Präsident des Nationalrats, erklärt im Interview mit der Schweizerischen Stiftung für die Familie, wo die Schweiz gerade für Familien zu teuer ist und plädiert für eine «heilige Allianz» zwischen Politik, Unternehmen und Gesellschaft, welche die Schweiz wieder kinderfreundlicher machen könnte.

 

Herr de Buman, das Leben in der Schweiz ist teuer und für Familien mitunter sehr teuer. Geld verdienen und Kinder erziehen – wie geht das in der Schweiz im 2018 zusammen?
Natürlich ist es sehr teuer, einen Haushalt in der Schweiz zu führen. Aber dafür sind auch die Löhne sehr hoch. Das hat sicherlich mit der starken wirtschaftlichen Entwicklung, der letzten 50 bis 60 Jahre in der Schweiz zu tun. Aber vielleicht haben wir auch ein zu grosses globales Wachstum?
Wir hatten immer einen Nutzen von diesem Wachstum. Wir sind reich, haben hohe Löhne, eine hohe Kaufkraft, aber man muss sich offen die Frage stellen, ob immer alles nötig war. Für Familien sind vor allem zwei Dinge sehr teuer: Die Mieten und die Gesundheitskosten.
Es ist eine Realität, dass die Mieten sehr teuer geworden sind. Viele Leute sind in die Schweiz zugewandert, und da das Schweizer Territorium klein ist, entstand ein Druck auf die Grundstückpreise und die Mieten. Und das ist wahrscheinlich sogar einer der höchsten Posten wo es für eine Familie teuer ist, besonders in den reichen Regionen wie Zürich oder Genf. Für den Mittelstand ist es kaum noch möglich in diesen Regionen eine Wohnung zu mieten.
Der zweite Punkt sind die Gesundheitskosten. Die Krankenkassenprämien sind jetzt schon zu hoch für die Familien und den Mittelstand. Und man sollte deshalb tiefgreifendere Reformen angehen, als diejenigen, die jetzt im Parlament beraten werden. Es fehlt vor allem an einer Spitalplanung, mit welcher unnütze Investitionen vermieden werden könnten. Es macht keinen Sinn, dass jedes Spital das grösste und teuerste Gerät anschafft. Es braucht hier aber unbedingt eine Lösung mit den Kantonen zusammen, wie im Erziehungswesen.
Wir müssen die Kosten begrenzen und beherrschen. Das heisst nicht, dass man die Qualität begrenzt. Wenn man die Steuern nicht erhöht möchte, bedeutet das, dass man die finanzielle Leistungsfähigkeit der Versicherten berücksichtigen muss. In diesem Sinne braucht es auch ein wenig mehr Solidarität bei der Bemessung der Prämien. Wir müssen auf jeden Fall eine Lösung finden.


Was kann bei den Mieten getan werden? Gibt es hier
Ideen oder Initiativen, den Familien entgegenzukommen?

Für mich wesentlich sind die Wohngenossenschaften. Eine rein staatliche Subvention macht für mich keinen Sinn, da sie nur die Mieten nach oben schrauben würde. Das heisst aber nicht, dass es keinen Handlungsbedarf gibt. Wir müssen den Gemeinden und Kantonen helfen, Wohngenossenschaften zu schaffen und dabei unterstützen. Hier gibt es bereits viele gute Beispiele. Es gibt bei diesem Modell keine Spekulation, das Gebäude bleibt in den gleichen Händen, die Immobilien werden unterhalten, und es ist privatwirtschaftlich – eine Erfolgsgeschichte.


Die Schweizer wünschen sich im Schnitt 2,2 Kinder, die Geburtenrate liegt jedoch seit Jahren um die 1,5 Kinder. Hier besteht eine Lücke, die auch mit den hohen Kosten für Familien zu tun haben kann. Sehen Sie hier Handlungsbedarf in der Familienpolitik, gerade auch in Hinblick auf die zu erwartenden grossen Lücken bei der AHV?

Das ist ein grosses Thema! Es gibt sicherlich Verpflichtungen der öffentlichen Hand. Es braucht aber auch eine Vision der Privatwirtschaft. Wir müssen uns zumindest bewusst sein, dass wir, global gesehen, in diesem Bereich ein Problem haben werden und bereits haben. Es ist eine Frage der Preispolitik. In Schwimmbädern, Museen und andern öffentlichen Einrichtungen fehlt oft eine familienfreundliche Preispolitik. Ganz generell sind die Preise in der Schweiz nicht familienfreundlich. Man müsste bei der Preisfestlegung viel stärker auf die Kinderzahl Rücksicht nehmen, auch wenn das mit einiger Bürokratieverbunden ist. Aber wir brauchen eine sympathische Preispolitik für Familien. Viel einfacher ist es mit der Steuerpolitik. Es gibt zum Beispiel Abzüge, wenn Sie eins, zwei oder drei Kinder haben oder auch andere Modelle. Das ist alles sicher noch nicht perfekt. Es gibt noch keine Intergenerationensolidarität, aber es geht aktuell in die richtige Richtung. Man ist sich des Problems bewusster geworden.

 

Welche Kompetenzen haben Sie persönlich in Ihrer Familie gelernt, die Sie heute im täglichen politischen Geschäft einsetzen?

Auf jeden Fall bringe ich eine grosse Sympathie für Familienanliegen mit.

 

Viele Unternehmen bevorzugen bei der Einstellung noch immer kinderlose Mitarbeiter vor Eltern. Aber bringen gerade Eltern nicht auch Vorteile für ein Unternehmen?

Ja, auf jeden Fall. Hier geht es um Vereinbarkeit und Motivation. Jeder Mitarbeiter, der spürt, dass er in seiner Artwahrgenommen wird, hat mehr Interesse an seiner Arbeit und ist produktiver und erfolgreicher. Ich stelle fest, dass die Initiativen in diese Richtung in den letzten zwei bis drei Jahren ziemlich vernünftig sind. Bald werden wir wahrscheinlich auch die Abschaffung der Heiratsstrafe haben, das ist etwas Gutes. Zudem konnten wir die duale Ausbildung retten, das ist ein Erfolg.Viele Leute in der Schweiz denken, «das mit der Familie ist doch alles leicht zu schaffen». Aber die Schweiz ist nicht wirklich kinderorientiert. Die Wirtschaft von morgen braucht aber Kinder, um auch neue Kunden, neue Konsumenten und Steuerzahler zu haben. Das ist ein Kreislauf. Das heisst dann aber auch, dass wir in diese Zielgruppeinvestieren müssen. Ja, natürlich. Denn alle diese Leute werden einmal auch besteuert werden. Unsere Ausrichtung ist aber leider etwas egoistisch geworden.

 

Die Schweizerische Stiftung für die Familie feiert dieses Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum. Mit dem FORUM WIRTSCHAFTTRIFFT FAMILIE am 27. September möchte die Stiftung einen konstruktiven Beitrag liefern, wie Familie und Wirtschaft sich ergänzen, ja sogar voneinander profitieren können. Es wäre schön, wenn Sie persönlich mit dabei sein könnten.

Leider kann ich am 27. September nicht dabei sein, da wir Herbstsessionswoche haben und ich in Bern sein muss, aber gerne werde ich Ihnen eine Videobotschaft übermitteln und wünsche Ihnen schon jetzt eine gute Veranstaltung.

 

Die Frage zum Schluss: Wie kann die Schweiz familienfreundlicher werden? Was wäre Ihr Traum von einer familienfreundlichen Schweiz?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Menschen immer bereit sind, eine Lösung für die Herausforderungen zu finden. Wir brauchen hier vor allem eine Überwindung der kulturellen Armut. Sicherlich gehören dazu Massnahmen der öffentlichen Hand, aber es braucht auch die Sensibilität der Privatwirtschaft. Es gibt Unternehmen, die hier schon heute sehr fortschrittlich sind.Wenn wir künftig neue Massnahmen ergreifen wollen, und ich kann mir das gut vorstellen, dann braucht es eine «heilige Allianz» zwischen parlamentarischen Kreisen und Unternehmern. Dann ist der Mensch fähig, über sich hinaus zu wachsen.

 

Eine «heilige Allianz» für die Familie?

Ja, wenn Sie so wollen. Eine neue Sensibilisierung für die Familie!

 

Herr de Buman, wir bedanken uns herzlich für das Interview.

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