Argumente gegen demografische Panikmeldung

17.04.2019

 

Statt die Jungen mit Prognosen über die Vermehrung der Alten zu schrecken, die den Jüngeren die Rente wegnehmen und ihre Zukunft gefährden, wäre ein Blick auf ein paar Realitäten sinnvoller.

 

Die SRF Sender haben kürzlich mit einer demografischen Schreckensmeldung Aufsehen erregt: Die Zahl der Menschen im Alter von 65 und älter überstieg 2018 erstmals die Zahl der Kinder unter fünf Jahren. Auf der SRF-Site wird dazu eine Grafik der Deutschen Bank publiziert, laut der  die Zahl der Alten massiv ansteigen wird (von 0.6 auf 2.5 Mia bis 2099), während die Zahl der Kinder unter fünf Jahren bei etwa 680 Millionen stagnieren wird.

 

 

Prognosen als Anregung zum Weiterdenken

Man kann darüber streiten, wie weit es Sinn macht, Prognosen über eine so lange Zeit zu machen und die aktuellen Trends einfach hochzurechnen. Seriöse Zukunftsforschung rechnet mit mehreren möglichen Szenarien. Bedenklich sind aber die Botschaften, die im konkreten Fall der Thinktank Avenir Suisse macht: Die Verteilkämpfe um die Steuergelder nehmen zu, die Kosten für Sozialversicherungen und Gesundheit steigen. Die Alten werden die Jungen bei Abstimmungen überstimmen, die Vermögen bleiben zu lange bei den Alten und fliessen damit nicht in die Wirtschaft. Immerhin räumt die Ökonomin Salomé Vogt die Möglichkeit ein, dass Grosseltern bei Abstimmungen und beim Einsatz ihres Vermögens auch an die Enkel denken.

 

Korrekturen im Sozialversicherungs-System

Noch sinnvoller wäre es, den Blick etwas zu weiten und auf Fakten und Handlungsmöglichkeiten hinzuweisen, die das Bild der bedrohlich ansteigenden teuren Alten relativieren: Es hat sich gezeigt, dass immer mehr ältere Menschen erwerbstätig bleiben, sofern die Bedingungen für sie stimmen. Um ihre Arbeitskraft und ihre Erfahrung zu nutzen, wären aber noch einige Korrekturen bei den Sozialversicherungen nötig. Macht es zum Beispiel Sinn, dass nach 70 keine steuerbegünstigen Einlagen in die Säule 3a möglich sind?

 

Freiwillige Verlängerung der Erwerbsarbeit

Gerade produktive Menschen in anspruchsvollen Berufen sind motiviert, über die Pensionsgrenze hinaus zu arbeiten. Für sie wäre zum Beispiel ein Teilbezug der Rente sinnvoll, um einen etappenweisen Abbau des Arbeitspensums auszugleichen. Andere möchten die Gelegenheit nutzen, ihre Ersparnisse oder Rentenleistungen noch aufzubessern. Es macht daher wenig Sinn, einseitig lediglich für Frühpensionierungen und ein dauerhaft niedriges Rentenalter zu kämpfen. Gerade gut ausgebildete ältere Menschen verlängern ihr Erwerbsleben bis 70 und noch weiter, sofern es ihnen ermöglicht wird.

 

Freiwilligenarbeit steuerlich honorieren

Eine andere Perspektive ergibt sich auch, wenn man den sozialen und kulturellen Einsatz der älteren Generation in die Modelle einbezieht, zum Beispiel die Pflegeleistungen von Pensionierten für ihre eigenen Eltern oder für ihre Enkel. Der Zürcher Soziologe François Höpflinger schätzt die Leistungen von Grosseltern in der Schweiz auf mindestens 2 Milliarden Franken pro Jahr. Insgesamt wird die unbezahlte Arbeit in der Schweiz auf über 200 Mia. Franken geschätzt, ein grosser Teil davon wird von Senioren erbracht. Leider lehnte der Bundesrat 2011 einen Vorschlag von Nationalrätin Marianne Streiff-Feller (EVP) ab, Freiwilligenarbeit steuerlich zu begünstigen.

                                          

Übermacht der Alten könnte sinnvoll kompensiert werden

Um einen Ausgleich des befürchteten politischen Machtgefälles zugunsten der älteren Generation abzubauen, wurde schon vor Jahrzehnten ein sinnvoller Lösungsvorschlag gemacht: das Familienstimmrecht. Es wurde vor 20 Jahren vom damaligen EVP-Nationalrat Otto Zwygart  in die parlamentarische Diskussion getragen. Leider ohne positives Ergebnis. In Deutschland scheiterte ein Vorstoss für das Familienstimm- und Wahlrecht im Bundestag im Jahr 2003.

 

Familienfreundliche Politik ist eine Mangelerscheinung

Um das demografische Gleichgewicht zu verbessern und auch den Migrationsdruck zu dämpfen, wäre nach wie vor die Erhöhung der Geburtenrate nötig. Die europäische Politik – Frankreich und die skandinavischen Länder ausgenommen – tut sich mit familienfreundlichen Massnahmen jedoch seit Jahrzehnten schwer. Es wird vorgeschoben, diese hätten kaum Einfluss auf die Geburtenrate. Der Beweis dafür fehlt jedoch, solange man es nicht ernsthaft versucht hat. In der Schweiz gilt Familie immer noch vorwiegend als Privatsache, trotz ihrer immensen gesellschaftlichen Bedeutung. Doch die Wirtschaft drängt auf die vermehrte Erwerbsarbeit auch von Eltern, was eine demografische Negativspirale auslösen kann, wenn die Firmen nicht flexible Arbeitsbedingungen bieten.

 

 

Familie als Verbund der Generationen

In den vergangenen Jahren ist die Familie als Generationenverbund in den Fokus gerückt. Das Zusammenleben oder Zusammenarbeiten von bis zu vier Generationen löst eine positive Dynamik eines gegenseitigen Gebens und Nehmens aus. Die ältere Generation ist oft bereit, durch Pflegearbeit und mit finanzieller Unterstützung die jungen Familien zu begleiten. Sie darf dann ihrerseits von Unterstützung profitieren, wenn sie diese in Form von Pflegeleistungen braucht. In diesem Bereich ist vieles ein Selbstläufer, aber es braucht eine vermehrte öffentliche Thematisierung. Auch geeignete Rahmenbedingungen. Die gegenseitige Unterstützung der Generationen kann auch über die eigene Familie hinaus funktionieren. Zeitgutschriften, die später für die eigene Pflege eingezogen werden können, sind dazu ein geeignetes Mittel, weil sie das Sozialsystem schonen.

 

 

 

 

 

 

 

 

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