Die «Wahrheit» um die Scheidungszahlen

18.07.2019

„Bald zwei von fünf Ehen in der Schweiz geschieden“ – so lauteten die Schlagzeilen zur provisorischen Statistik 2018 des Bundes. Eine kritische Analyse.

 

Eine Scheidung ist fast immer eine traumatische Erfahrung. Für die beiden Ehepartner, für ihre Kinder, aber auch schmerzhaft für Angehörige und Freunde. Wenn sich nach wie vor zwei von fünf Paaren scheiden lassen, ist das erst einmal keine gute Nachricht.

 

Fast 10-jährige positive Entwicklung

Doch wer erinnert sich noch, dass vor wenigen Jahren die übliche Schlagzeile hiess: Fast jedes zweite Paar lässt sich scheiden. Während sich 2018 16’542 Paare scheiden liessen, waren es 2010 noch 22'081, also rund jede zweite Ehe. Dann nahmen die Scheidungszahlen kontinuierlich ab bis auf 15'900 im Jahr 2017. Die Scheidungszahlen von 2018 liegen immer noch tiefer als diejenigen von 2003 bis 2016.

 

Verlagerung auf ältere Paare

Nach dem Höhepunkt der Scheidungszahlen von 2010 verlief die Kurve stets abwärts. Dabei kann beobachtet werden, dass die Scheidungen in den ersten 15 Ehejahren stark gesunken sind, während sie danach wieder steigen. 30 Prozent der Scheidungen erfolgen heute nach über 20 Ehejahren! Der Zürcher Paarforscher Prof. Guy Bodenmann führt dies darauf zurück, dass es bei älteren Paaren oft am Commitment fehlt, also am Willen, der Ehe Sorge zu tragen und die Liebe zu pflegen. Wenn dann plötzlich eine attraktive Drittperson auftaucht, kann dies zur Auflösung der Ehe führen. Faktoren wie Stress im Beruf können ebenfalls die Basis der Ehe allmählich zersetzen.

 

Eine (inter-)kulturelle Herausforderung

Auffällig ist zudem, dass mit 6941 Scheidungen weniger als die Hälfte auf eine Ehe zwischen einem Schweizer und einer Schweizerin zurückgeht. Bei 5731 Scheidungen ist der Partner oder die Partnerin Ausländer bzw. Ausländerin. Bei 3870 Paaren sind beide Ausländer. Das lässt darauf schliessen, dass kulturelle Unterschiede eine Herausforderung für die Ehe sind. Die Zunahme der Scheidungen von 2017 bis 2018 geht zum grössten Teil auf Trennungen zurück, wo mindestens einer der beiden Partner Ausländer ist. Die Zunahme beträgt bei Schweizer Paare gerade mal 0,6 Prozent, während sie bei gemischt-nationalen Paaren 3.0 Prozent und bei ausländischen Paare 12,4 Prozent ausmacht.

 

Noch keine niederschwellige und flächendeckende Scheidungsprävention

Trotzdem: Bei der nach wie vor hohen Zahl von Scheidungen bleibt die Frage, ob nicht eine niederschwellige Eheberatung, die besonders auch für ausländische Paare zugänglich ist, angesagt wäre. Der Bundesrat hat bislang allen Vorstössen im Parlament für ein flächendeckendes niederschwelliges Beratungsangebot eine Absage erteilt. Das ist tragisch, weil mit jeder Ehe, die gerettet wird, auch viel Leid und viel Schaden vermieden werden kann.

 

Bei den eingetragenen Partnerschaften ist die Zahl mit 700 leicht rückläufig, während die Zahl der Auflösungen zunimmt und im Jahr 2018 206 Paare betrifft. Insgesamt wurden von 2014 bis 2018 jeweils leicht über 700 Partnerschaften geschlossen und in diesen 5 Jahren knapp 900 wieder aufgelöst.

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