Neue Vereinbarkeit – warum es einen ‹‹change of mindset›› braucht

04.11.2019

Unter dem Thema «Die neue Vereinbarkeit gestalten – Was Unternehmen und Familien brauchen» fand am 31. Oktober in Bern das zweite «FORUM WIRTSCHAFT TRIFFT FAMILIE» statt. Nachdem das Forum vor Jahresfrist in Zürich vor allem die Familienfreundlichkeit der Unternehmen im Fokus hatte, ging es diesmal um den Nutzen der Familie für das Unternehmen und einer Kultur des Vertrauens und der Wertschätzung.

 

Laut Christa Leonhard, Präsidentin des Stiftungsrates der Schweizerischen Stiftung für die Familie, erfordert die Vereinbarkeit von Familien- und Berufsleben ein neues Denken. Aber auch finanzielle Investitionen. Doch jede Investition in die Familie werde sich mehrfach auszahlen. Besonders auch in Form von motivierten und engagierten Mitarbeitenden.

 

Mehr Elternzeit macht Sinn

 

 

Anja Wyden Guelpa, Unternehmerin und Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Familienfragen EKFF, sprach sich engagiert für eine grosszügige Elternzeit aus. Die EKFF fordert nicht nur bedarfsgerechte und bezahlbare Familien- und schulergänzende Betreuung, sondern auch eine Elternzeit von 38 Wochen! Das wäre auch ein wirksames Mittel zur Armutsprävention, so Wyden Guelpa. Die Elternzeit scheint revolutionär, doch die Schweiz befinde sich diesbezüglich weltweit an zweitletzter Stelle. Der Durchschnitt der OECD-Länder liege bei 54 Wochen. 38 Wochen seien daher ein besonnener und bescheidener Vorschlag, so die EKFF-Präsidentin. Der Vorschlag beruhe auf einem ausführlichen Studienprogramm, wobei auch zahlreiche internationale Studien ausgewertet worden seien, die den Nutzen einer Elternzeit für Familie, Kinder und Mütter belegen. Speziell wies Wyden Guelpa auch auf den positiven Effekt bezüglich Vater-Kind Beziehung hin, wenn Männer mindestens acht Wochen Vaterschaftsurlaub beziehen können. Aber auch für die Unternehmen hat ein echter Elternurlaub positive Wirkungen, zum Beispiel für die Produktivität. Zudem erhöhe er die Geburtenrate. Es gebe aber auch eine Obergrenze und negative Auswirkungen, wenn eine Elternzeit zu lange andauere. Wer mehr als zwei Jahre vom Arbeitsplatz weg sei, müsse mit beruflichen Rückschlägen rechnen. Die EKFF schlägt daher 14 Wochen «Mutterschaftsurlab», 8 Wochen Väterzeit und 16 Wochen, die frei aufteilbar sind, vor. «Wir reden von Elternzeit, nicht von Elternurlaub», betont Wyden Guelpa:  «Die Schweiz könnte und sollte mehr in die Familie investieren!»

 

Elternschaft bereichert die Arbeit

​​Dr. Nina M. Junker, stellvertretende Abteilungsleiterin Sozialpsychologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, sprach über de Elternkompetenzen als Ressource für das Unternehmen. Eltern im Beruf, besonders Frauen, gelten heute, wie Juncker beobachtet hat, bei Arbeitgebern oft als unflexibel, unkonzentriert und ständig krank. Allein die Möglichkeit, dass die Frau schwanger wird, gerate zu ihrem Nachteil für eine Anstellung. (das «maybe baby» Phänomen). Juncker fokussiert aber auf die positive Seite. Denn Beruf und Familie bereicherten sich gegenseitig. Gerade Mütter hätten Erfahrung in Multitasking. Sie seien in der Lage, sich sofort auf eine neue Situation zu fokussieren. Oft arbeiteten Eltern mit Teilzeit auch effizienter als Vollzeit-Mitarbeitende. Die Referentin teilt die Beobachtung: Elternschaft bereichert die Berufsarbeit – und Arbeit die Elternrolle.» Leider nutzten nur 12 Prozent der Mitarbeitenden ihre in der Familie erlernten Fertigkeiten. Und dies, obwohl Elternschaft ein tägliches Training unternehmensrelevanter Kompetenzen sei. «Denn wir lernen am besten, wenn wir Wissen direkt anwenden können.» Die Unternehmen forderte sie auf: Hinterfragen Sie ihr eigenes Mindset und das ihrer Organisation. Sehen Sie Elternschaft eher als Hindernis oder als Chance? Sensibilisieren Sie auch ihre Führungskräfte für die Kompetenzen der Eltern. Immerhin seien auch viele Führungskräfte selbst Eltern.. 

 

Vertrauenskultur als Wettbewerbsvorteil

​​Dr. Hans C. Werner, Mitglied der Konzernleitung der Swisscom und Vorstandsmitglied des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes, zeigte auf, wie man es bei Swisscom erreicht hat, ein Umfeld zu schaffen, das die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördert. «Vereinbarkeit basiert auf gelebter Vertrauenskultur», so die Erfahrung bei Swisscom. Gerade in einer komplexen und vielfältigen Unternehmung sei es nicht immer einfach gewesen, eine einheitliche Vertrauenskultur für alle Bereiche zu haben. Man habe daher stark bei der Führung angesetzt. Die Selbstreflexion sei eines der wichtigsten Führungsprinzipien. Jede verantwortliche Person und vor allem Führungspersonen müssen sich als Unternehmer und Netzwerker verstehen und sich ständig weiterentwickeln. Zudem gelte es, sich selbst zu führen. Hans Werner erinnerte an die Blick-Schlagzeile: «Swisscom schafft die Chefs ab». Agil sein und arbeiten, laute die Losung beim Telekomanbieter (Doing agile und being agile). Denn die Industrie 4.0 habe alles verändert, von Prozessen, über die Entwicklung bis hin zur Kommunikation und vor allem dem raschen Tempo. Dies gehe einher mit einer Transformation, die aktiv gestaltet wird und in der die Betroffenen zu Beteiligten gemacht würden – getragen von einer Vertrauenskultur.Gleichzeitig sind Vielfalt und Inklusion wesentliche Elemente für Swisscom. Dabei habe man in punkto Vielfalt schon viel erreicht, einiges brauche aber auch noch Geduld. So beispielsweise in den technologischen Berufen, die in der Vergangenheit ausbildungsbedingt noch oft männlich besetzt wurden. Hier investiere Swisscom auch in Initiativen wie "Digital Days for Girls" um schon bei der Ausbildung anzusetzen. Der Telecom-Konzern sieht sich als familienfreundliches Unternehmen. Es seien Puzzleteile zur Vereinbarkeit, so Werner. Dabei würden auch die Männer gefordert, mal Teilzeit zu arbeiten oder von zuhause aus. Auch Führungsstellen werden, so immer möglich, in einem Pensum von 80-100% ausgeschrieben und Job Sharings in vielen Fällen möglich gemacht. Dies erfordere Vertrauen: «Wir müssen die Leute nicht sehen um zu glauben und wissen, dass sie arbeiten und einen guten Job machen.» Die Mehrheit der Mitarbeitenden gebe dieses Vertrauen auch zurück, dies schaffe Mehrwert und eine gute Unternehmenskultur und darauf wolle man sich konzentrieren. Wir haben selten das Problem, dass Mitarbeitende dieses Vertrauen ausnutzen.Werner: «Wir stehen im Wettbewerb und möchten deshalb gute und motivierte Mitarbeitende gewinnen und halten. Dies gelingt uns dann, wenn sie einen erfüllenden Job und eine Arbeitgeberin haben, die den nötigen Freiraum für das Privatleben und die Flexibilität für die Lebensplanung lassen.»

 

Elternkompetenzen und Produktivität

​​Der diplomierte Wirtschafts- und Familienpsychologe Joachim E. Lask zeigte auf, wie Elternkompetenzen die Produktivität steigern können. Gerade angesichts der niedrigen Geburtenrate in Deutschland und der Schweiz seien qualifizierte Menschen gesucht. Zu den Qualifikationen müsse aber auch gehören, rechtzeitig stoppen können, bevor Menschen Schaden nehmen. Doch was lernen Eltern in der Familie? (Buch: Gute Eltern sind bessere Mitarbeiter). Zum Beispiel Prioritäten zu setzen. Elternschaft sei nicht verlorene Zeit für das Unternehmen, so der Forscher. Denn wichtige Soft Skills wie Authentizität und Vorbild würden in der Schule der Familie entwickelt. Ebenso die schwierige Kompetenz der Selbstreflexion. Lask zitierte einen Aufsichtsrat: «Nur die Kinder sagen mir ehrlich, wer ich bin, sie halten mir den Spiegel hin.» Das Problem liege heute darin, dass zwar 81 Prozent der Eltern glauben, in der Familie Qualifikationen zu erwerben, doch viele wüssten nicht, wie sie diese bei Anstellungs- und Qualifikationsgesprächen den Chefs benennen können. Oder sie trauen sich nicht, das zu tun. Das Programm und die App «be:able» sollen hier Abhilfe schaffen. Gerade der Qualifizierungsbedarf im Zeichen der Digitalisierung (Kommunikation Kooperation, Planung …) rufe vermehrt nach Elternkompetenzen.

 

Die Veranstaltung schloss mit einem engagierten Podiumsgespräch, an dem neben den Referentinnen und Referenten auch das Publikum teilnahm.

 

 

 

(Text und Bilder: Fritz Imhof / Schweizerische Stiftung für die Familie)

 

 

 

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